Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und unbegreifliche Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen Stadt, das Süß geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas Störendes und höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er sah das weiße, verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so unsagbar fremd, er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote, die verlöscht war wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er sah das Kind, sich selber in einer seligen und gleichzeitig so entsetzlich drückenden Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den unbehaglichen, unheimlichen, der jäh da war wie selbstverständlich und wie selbstverständlich wieder mit dem Kind ins Dunkle zurücktauchte, sehr selten nur, in einem Zwischenraum von Jahren wieder am Tag.

„Das Kind ist jetzt vierzehn Jahr,“ sagte endlich Rabbi Gabriel. „Es macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich sieht.“

Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln.

„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“

Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen, unmodernen Rock.

Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und klein sitzen wird wie jetzt.

In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich.

Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus! Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in Stuttgart und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen. Davongejagt. Nach dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht fürs Bett getaugt hat.“

„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte. „Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn mehr kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller mehr herausgeht.“

„Und Friedrich hat dazu geraten!“ empörte sich die Gräfin – Friedrich Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein! Schlag ihn!“