„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“ versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da, quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes. Haben, das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist nicht wichtig.“

Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete, brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach dem Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war schwer, ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei, drei Wochen werde er ihn in Freudenthal haben.

Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß des Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte:

Der itzt den Feind vertrieben,

Nun danket Gott nach großer Not!

und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten, bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das herzogliche Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das italienische Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux! Schmeckt’s? So was hast du lange nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den Knochen! Am zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben die Initialen der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst gestopft mit kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll kostenlosen herzoglichen Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der Kellerer um etwa hundertachtzig Gulden betrügen – schnupfte gerührt hinauf und gröhlte: Es lebe die Herzogin!

Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er ging an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er ihr vom Blut des Herzogs verschaffe.

Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden, nachdem der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie dergleichen schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie sinnlose Wut nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak Landauer war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten.

Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte, rechnete er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der Gräfin zu Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es ausgemacht, daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von ihr die achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr, und sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe haben, er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu jagen. Es war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit zu dem Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog.

Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen Augenblick starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener heftig Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte durch die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen. Er, er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke von der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom Konsistorium, der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte, zitronensaure Johanna Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig Jahre, dreißig Jahre! recht gehabt gegen ihn, den Herzog.