Mord und Marter! Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde, schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft und in mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft gestraffte, in feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche, rosig-fette. Er hat müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende, die das Mark aus den Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich Weiber in ihn vernarrt ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist ja auch, Teufel noch eins, ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller Gloria dieser Welt. Haben sich an ihn gehängt mit Herz und Schoß und allem Blut, haben erlöst gestöhnt unter seinem Griff. Waren bessere, Kreuztürken, waren bessere dabei als die Christl. Aber er hat sich an keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht und ist darüber weg.

Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben.

Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank.

Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches, wichtiges Gewese hub an.

Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten alle Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem Adjutanten, ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die Vorhalle. Hier trat ihm der Haushofmeister entgegen, an allen Türen tuschelte aufgeregte, ängstlich neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz sei nicht zu sprechen, erklärte hastig der Haushofmeister, die Exzellenz sei noch zu Bette. So werde er einige Minuten warten, entgegnete gelassen der Offizier und setzte sich. Und der Haushofmeister dringlich, überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie bedaure sehr, überhaupt nicht empfangen zu können. Wenn der Herr Oberst Ordres von Seiner Durchlaucht bringe, möge er sie dem Sekretär übergeben. Der Oberst, immer korrekt und kühl, es sei ihm leid, er habe Befehl, unter allen Umständen die Frau Gräfin selbst zu sprechen.

Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte mit ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich scheren; er wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei reichsunmittelbare Gräfin, nur der Römischen Majestät unterstellt. Der Offizier achselzuckte, er sei kein Jurist, und so gehe sein Auftrag, und er gebe der Frau Gräfin eine halbe Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann werde er die Tür sprengen lassen. Keifend und massig pflanzte die Alte sich hin: das sei Landfriedensbruch, und man werde sich bei schwäbischer Reichsritterschaft beschweren, und sein Herr werde es schwer büßen müssen, und er werde schimpflich kassiert werden. Es seien jetzt noch sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der Oberst.

Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum, verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als der Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand zu Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich, er habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den Oberst als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie die eines kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er sie wegführen könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands fähig sei. Sie sei sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr schlimm zugesetzt, und wenn er darauf bestehe, sie in solchem Zustand wegzubringen, so werde das ihr Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot, ringsum flennten die Zofen. Es dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie in der Kutsche hatte und sie inmitten der Reiter in den regnichten Tag wegführen konnte. Die Mutter und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem Weg standen dumm glotzend ihre Bauern. Aber die Freudenthaler Juden hatten sich in ihrem Betsaal versammelt, in großer Angst um Leib und Gut, und beteten für ihre Schützerin.

Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in allem Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie gab sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur dem Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal verletzten Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in Wien Klage in einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus noch nie geführt worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten Gerüchte aus, wie groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn nicht einmal die Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak Landauer erklärte, sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der Generalstaaten, unter solchen Umständen sei es eine mißliche Sache, in Württemberg Kapital stehen zu lassen, seine Worte wurden in den Kontoren der großen Geldleute kolportiert und wirkten gefährlich weiter.

Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte man nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen: Laß uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner Ritterschaft. Aber diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben. War die Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er anerkannte also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in bester Form und gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er bereit, in einer strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom Weinzoll nachzugeben. Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben aber etwa siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft ihren Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt.

Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für alle Zeit ein Ende zu machen. Die Gräfin wurde nach der Festung Hohen-Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden hatte Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche Karikaturen, in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin unterm Gejohl des Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und auf den Schindanger geworfen.