Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte, eiskalt hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie ein Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei, werde er sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran, ihr Vermögen anzutasten.
Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang an günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt hatte. Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes Vermögen zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter des Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in solchem Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen und Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs, als sie das Herzogtum verließ.
Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre Straße war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter ihr, in endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat.
Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte.
Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom Hof des Würzburger Fürstbischofs. Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke, weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler, undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen Getriebe der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer Parlamentspolitik und höfisch katholischer Diplomatie. Der Jesuitenschüler wie der protestantische Prälat liebten die Politik um ihrer selbst willen; wenig lag ihnen am Ziel, viel an seiner kunstgerechten Verfolgung.
Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften, wahrhaft frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg Bernhard Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis jetzt freilich nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über Württemberg hinaus berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im landschaftlichen Ausschuß.
Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit und sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die Nerven hinaus ins Herz drang.
In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß und schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig, bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des Vaters fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben.
Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum Gläubige und Erweckte auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem stillen Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die Schriften De Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte, auch die verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der Philadelphischen Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft vor sich hintrieb und lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt in Hirsau ein Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle teil, die Tochter des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem dunkeln Haar in ein Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön mit dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen, Armseligen, Gedrückten, Blassen, Verhutzelten des Collegium Philobiblicum, sie suchte durch zufälliges Aufschlagen der Schrift Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott, daß er ihrem Vater Gnade und Erweckung fließen lasse.
Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft zu sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man ihm einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht daran vergiften lassen.