Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie es Dienern Christi ziemte.
Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht, soviel er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die Eingabe gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kanzlei des Prinzen jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt, nachträglich, sei es ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die Manier seines verehrten Freundes, schloß er lächelnd.
Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft. Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei es sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu gewähren.
Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete langsam der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen Gesicht ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen, doch alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet. Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter Freund möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob die Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen seien wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das eine höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte seinen Kaffee.
Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das Geld geben oder nicht.“
Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik: „Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt, nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das fürstliche Haus.“
Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll, einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen.
Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache kam, war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren die Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe, polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und Feldmarschall, trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und verbreite den Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei Mohren, Türken und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch, das pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die paar tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen, geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der Herzog die dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das Gesuch Karl Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen den sympathischen Prinzen bedeuten solle.
Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel, schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir brauchen sie. Das war etwas.
Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls, Hoheit, wurde abgelehnt.