Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie ein verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor er kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt saß man stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte unmerklich von ihm ab.
Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis, der Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer Herr, der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines Windhundes gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter, Marie Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger Neugier schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht spöttisches, hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem Blick des Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen gemacht, in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung, lässig und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein, ziervoll, eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen Marmors, spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine, gegliederte Nase, klein, geschwellt, spöttisch der Mund.
Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen, ziervollen Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre Straße, die gesäumt war von Bewunderern.
Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu den andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den Regensburger Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der junge Lord Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte Verliebtheit lächerlich wurde, hielt sich Süß an die jetzt vernachlässigten Damen, denen er bisher gehuldigt und bei denen er heute in doppelter Gnade stand. Selten nur und wenn es seine Damen nicht bemerken konnten, flogen seine großen, braunen Augen zu der Prinzessin, dann aber starrte aus seinem sehr weißen Gesicht so hemmungslos ergebene Bewunderung, daß Marie Auguste den stattlichen, eleganten Herrn mit ungenierter Neugier auf und ab sah. Im übrigen schritt sie mit ihrem leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein wenig spöttisch durch die Huldigungen des Abends.
Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler Schlachten, blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in seinem Zimmer beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze. Er saß im Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute besonders schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und Karaffen. Aus dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das Glas aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz saß, soff, fluchte. Die Flüche aller Sprachen, allen Unflat des Feldlagers fluchte er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der gewöhnlichen Briefpost, hatte er ein Schreiben des parlamentarischen Ausschusses erhalten, das nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein Darlehen ablehnte.
Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein Bild hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun schickten ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen Rotzbuben und hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier.
So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm dieser alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone! Ein Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich, daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden nicht leiden konnte, wich aus.
Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich angefragt, machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins Zimmer, er trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen zeigen wollte; Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes Interesse. Auch wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so grimmig hatte er ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während Neuffer und der Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und immer wieder abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und während Süß geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend, prustend auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich sauber angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“
Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu versichern. Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß elegant, mit dem gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl plötzlich: „Neuffer! Otman! Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“ Und der Kammerdiener und der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem Schwall das Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen auf ihn ein, und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen und die neuen Strümpfe patschnaß, die Schuhe verdorben, hinter ihm das schallende Lachen des Prinzen und der Diener.
Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte, überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren, ja noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden.