Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen und hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe in seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem Aerger dienen werde.

Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann, neben dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen schwarzen Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit der Thurn- und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im römischen Reich und immens begütert. Desgleichen werde sich eine insolente und rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz katholisch werde. Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit, dem Prinzen auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er halte diese Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das viele Geld und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben Aerger. Und der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen Kaffee.

Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich durch das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute, lustige, freundhafte Kumpan. So ein Fuchs!

Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in Religionssachen, die katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden in Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende das ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen Landschaft spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die Regensburgerin auf alle Fälle.

Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“ erwiderte Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn ich jetzt dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“ „Befehlen Sie!“ „Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut schwitz! Ho! Ich hab jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller Zins!“ „Sie wählen sich einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der Jude. „Nein,“ lachte behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich mehr als je. Ich will noch wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich möchte heraus hier aus dem Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa Monbijou! Installier Er sie, daß man in Versailles nicht daran mäkeln kann, mit Möbeln und Livree. Ich ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem Prinzen die Hand, dankte überschwänglich.

Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der Weg war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung noch reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber hatte Süß bereits in neue Livree gesteckt.

Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste Thurn- und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz Anselm von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer Herr. Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten Manieren liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte kleine, boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft, stimmte bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen Windhundschädel höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander gefiel ihm. Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht soll; auch hatte er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon Dieu, er war Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm, keinen Verstand.

Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll, eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete.

Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders. Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem er die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“ bemerkte der Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl Alexander meinte, er handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube nicht, daß er viel Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die Augen fest auf dem Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von ihm die Rede gewesen. Und alle lachten.

Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger Geheimrat Kaffee.