Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen. Hebammen und Aerzte bestärkten sie in diesem Glauben, das Konsistorium ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe bekam. Ein glückliches Zeichen!
Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der Herzogin und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den Geheimrat pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von lüsternen Fältchen. Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der fröhlichen Laune. Süß übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden wegen der Triebe des palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter. Selbst das schwer deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie Augustens löste sich in herzhaft lauten Schall.
Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die Welt. Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“
Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er Kinder ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im allgemeinen hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin meditierte angestrengten Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich ausgesehen hätten, die Christum gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht dabei gewesen, versicherte der Geheimrat.
Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist ganz wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl Alexander gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und Leibjuden. Ja, noch in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während er noch erfüllt war von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes, lächelte sie, sich das Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden für einen amüsanten Hofjuden haben!“ Damit kehrten sie aus dem kleinen Kabinett in den Hauptsaal zurück.
Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl, dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen.
Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und jetzt kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt – Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im Herzogtum nicht ganz unschuldig war.
Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem Verkehr des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen der Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er war voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb, ging ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich voraus, daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich Schuldige, der die Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel werde angeschaut werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner Ueberlegenheit, wenn auch leicht unbehaglich, werde überreden lassen, und hatte sich wirksame Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er ehrlich überzeugt, daß praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel zu bedeuten habe. Wenn auch die Hoffnung auf die Schwangerschaft der Herzogin zerplatzt war, es stand noch so vieles zwischen dem Prinzen und dem Thron. Er fragte sich ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele Mühe lohne, die die Jesuiten an die Konversion des Prinzen gewandt. Jenun, das Herzogtum und sein Parlament war auf Tatsachen gestellt, seiner Politik war kurze Frist gegeben; aber die katholische Kirche, und er seufzte neidvoll, war so etwas Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten hatten es gut, sie konnten säkulare Politik treiben, mit langen Fristen für späte Generationen.
Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes auf den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und Erste Sekretär, ein ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem ziellosen, unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven Vorschlägen. Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu, eigentlich sei Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte Pflichtigkeit, das Verrenkte wieder gerad zu machen.
Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt. Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für die Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der wohllöblichen Versammlung doch selber niemand.