Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar, Gott sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen.

Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer Freiheit die geringste Gefahr.

Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur, unverbindlich nur. Immerhin.

Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der äußersten Not. Nur dann, nur dann.

Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer, wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges, finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen, war ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter Verehrer aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl Alexander den Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die Freundschaft aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus und Spiel und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er knurrig resigniert, das Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach, mit dem grimmigen, zerstörerischen Wunsch nach Bestätigung, nach immer mehr Befestigung seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader Aufenthalts hatte er seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen, wenn er ehrlich sein wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er hatte sich auf eine merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm ausgesöhnt. Hatte der doch recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das mußte so sein: einige wenige standen droben, und die andern waren alle Hundsfötter, Stiefellecker. Ein Katholik auf dem württembergischen Thron? Gut so, das war eben Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das Volk, Kotz Donner, hatte sich zu fügen.

Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus Evangelicorum habe man auf seiner Seite.

Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich, machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten, tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie persönlich durch den katholischen Prinzen.

Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in aller, aller Heimlichkeit.

In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut, Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl Alexanders vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der Jesuitenzögling, rotes, wulstiges, gewalttätiges Gesicht, weinselig leuchtend unter der weißen Perücke.

Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie eine Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des goldenen Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend im Glanz alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone, einem Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile überall aus Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer deutbares Lächeln in den Dom.