Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie fiel ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der dicke, lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich, und einer nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt Herzog, Herzog jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen tief nach Frankreich, und er sah seine Hände drehen an den Speichen der Welt. Ueber dem allem aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen, hörte er eine mürrisch knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich seine Hand, eine merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett, kurz, während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien.

Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten Stirn beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von der Farbe alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine, eidechsenhafte Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es war schön, jetzt nach Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in goldenem Wagen, als Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in Belgrad, thronend über den wilden, begehrlichen, verehrenden, barbarischen Menschen. Aber es war sehr willkommen, jetzt am Kaiserhof und an den andern deutschen Höfen Verehrung aufwölken zu sehen wie Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone ohne Perücke tragen, es war gegen die Mode, aber sie wird es doch tun, und die Krone wird klein und hoch und sehr stolz auf dem strahlendschwarzen Haar sitzen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Viele Herren werden an ihrem Hofe sein, deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde wie hier; man wird ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb bewundernd die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die Herzogin beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres Kreises stehen, der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die Lippen. Ah, es war gut, schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es war gut, Herzogin zu sein. Wie herrlich, daß es Männer gab und schöne Kleider und Kronen und Lichter und Feste. Es war eine schöne Welt, es war schön zu leben.

Auf Schloß Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel Karl Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe Verwirrung, als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem schönen, kleinen Schloß, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte er eine Geliebte zu sich genommen, ein ruhiges, dunkelblondes Geschöpf, die Tochter eines kleinen Landedelmannes, mit weichen Bewegungen, schönen, tiefbefriedeten Augen und etwas schwer von Verstand. Als der Prälat Weißensee zu ihm gekommen war mit dem Projekt, ihm an Stelle des katholischen Bruders den Thron zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit beiden Händen zugegriffen. Aber der kluge Prälat mußte bald erkennen, daß der Prinz in seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge als Phantasien betrachtete und sich in Farbig-Nebelhaftes verlor. Nein, mit diesem Prätendenten konnte man gegen den energischen, zufahrenden Karl Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des Erbprinzen, als die Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum greifbare Wirklichkeit hätte werden können, traf gar aus Belgrad – weiß der Himmel, woher der Feldmarschall von den Zetteleien mochte erfahren haben – ein unzweideutiges Schreiben ein, darin Karl Alexander den Bruder ernstlich vermahnte, von solchen Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen. Erschreckt und verschüchtert zog sich der sanfte Prinz von allen Unternehmungen zurück, ja, er vermied in großer Angst jeden Umgang mit Weißensee. Jetzt, wie er den Tod des Herzogs erfuhr, stand all das bunte, phantastische Geträume wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen Gliedern, groß erregt, ging der schwächliche Mann in dem fahlen Morgen herum, dichtete sich zusammen, was alles sein könnte, wenn er nur ein bißchen mehr Initiative hätte, wie er von der Macht Besitz ergriffe, an den Kaiser schriebe, Minister bestellte, entließe, mit Frankreich Verträge schlösse, zündende Reden an das Volk hielte. Aufseufzend kehrte er schließlich wieder in das Schlafzimmer zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst wecken wollen, leise und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich bekümmert über seine Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre großen, warmen Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug, tröstete sich an ihrer sanften Jugend und schlief endlich, seufzend, nachdenklich und befriedet, wieder ein.

Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in kribbelnder Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen Vorhängen. Wieviel Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der katholische Fürst in dem stockprotestantischen Land: eine neue, unerwartete, noch nie dagewesene Konstellation im westlichen Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich rechtzeitig eingestellt, es gab viele Möglichkeiten, er wird bei keiner ausgeschaltet werden können. Er hat sich nirgends exponiert, er hat überallhin Fäden geknüpft. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne, verwarf, genoß wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen Intrigenzettlers und Projektenmachers.

Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß und die blauen Augen in dem bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten und wechselten zwischen Hell und Dunkel. Ein Katholik, ein Heide auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung und große Not über das Land herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land fest bleibe gegen die Versuchungen, mit denen der Götzendiener es locken, gegen die Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird abspenstig machen wollen. Der heidnische Fürst fuhr einher mit Glanz und großer Gloire, er hatte Schlachten gewonnen, stand beim Kaiser in Gunst, seine Gemahlin trug sich hoffärtig und frivol. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Volk fest bleibe in all der Not und Versuchung. Und ihr Vater, ihr Vater stand ganz vorne im Kampf, ihm lag es ob, Schild des bedrohten Evangels zu sein. Ach, sie wollte nicht sündigen gegen das vierte Gebot; aber sie hatte große Angst, ob er auch die rechte Festigkeit habe vor Gott und den Menschen. Sie flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu Gott, sie schlug die Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand nur den Spruch: „Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist, was ihr nicht essen dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den Sperber und den Pelikan.“ Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei aller Gewandtheit im Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden zwischen der Not des Landes, der Sorge um den rechten, festen Glauben des Vaters und dem Strauß und dem Pelikan, den die Israeliten nicht essen durften. Sie beschloß, das Orakel ihrer Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der Erweckten, der blinden Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. Vorerst aber betrachtete sie, Kummer und schweres Nachdenken in dem männlich kühnen Antlitz, den Vater, der gar nicht umwölkt, sondern höchst angeregt, das feine, lebendige Gesicht arbeitend, in wohliger Spannung auf und nieder ging.

Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, hatten sich die elf Herren des engeren parlamentarischen Ausschusses im Landschaftshause zusammengefunden. Es stand nur Belangloses auf der Tagesordnung; aber alles war so ungeklärt, man saß in dicker Finsternis, man wollte wenigstens einen Nebenmann tasten, Antworten aus der Nacht hören.

Ach, daß man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach, daß man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in Dreck und großer Not. Der Prinz müßte ein Heiliger sein, wenn er jetzt, an der Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er war durchaus kein Heiliger. Ein Soldat, ein Feldmarschall, gewohnt an stumme, blinde Subordination. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen Räten durchaus nicht glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit seinen Beigeordneten in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war, bestialisch fluchte und tobte, keine Widerrede duldete und Geschirr und Zerbrechliches an den Schädeln seiner Räte zerschmiß. Kurz, daß er ein Despot war wie nur je ein heidnischer Cäsar. Man wird seine Not und Höllensabbat haben mit diesem Leviathan.

Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tipfelchen aufzugeben von seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie leckten den Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war nur dazu da, zu bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie thronten über dem Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie die venezianische Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter sich und banden dem Herzog und seinen Ministern die Hände. Wohlig war es und süß, sich so wichtig und in der Macht zu fühlen. Da soll keiner herkommen und daran rühren. Man wird sich breit und kräftig hinstellen und das Land schützen vor Tyrannei und katholischer Knechtung. Denn man hat ja seinen festen Schutz und gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der Herzog schwören muß, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt auch nicht der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide und wütige Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne ausknirschen. O klares Gesetz! O gesegnete Religionsreversalien! O gute, feste Verfassung und Tübinger Vertrag! O weise, heilsame, gepriesene altväterliche Vorsicht, die bissigen Herzogen solchen Maulkorb angehängt.

Pünktlich um zehn Uhr eröffnete Johann Heinrich Sturm, der Präsident, die Sitzung. Aber ehe man noch in die Tagesordnung eintreten konnte, erschien vor den verblüfften Herren der Regierungsrat Filipp Jaakob Neuffer, Bruder des Konsulenten. Er wies Dokumente vor, denen zufolge Karl Alexander als legitimer Nachfolger den württembergischen Thron übernehme und bis zu seiner Ankunft im Herzogtum die Räte von Forstner und Neuffer als amtierende Minister mit der Leitung der Staatsgeschäfte beauftrage.

Lächelnd und höflich erklärte der Rat den sehr betretenen Herren weiter, dem Herzog sei bekannt, daß man im Parlament gewisse Besorgnisse hege, die Religion und die ständischen Freiheiten anlangend. Er sei glücklich, den Herren im Auftrag Seiner Durchlaucht beruhigende Bestätigungen und Versicherungen jetzt schon überreichen zu können. Der Herzog habe Gelegenheit gehabt, noch als Prinz Fühlung zu nehmen mit einigen Mitgliedern des engeren Ausschusses über den damals möglichen, jetzt wirklich eingetretenen Fall, und die Herren hätten die abgegebenen Versicherungen für höchst wünschenswert erachtet, das nötige Vertrauen zwischen Herzog und Landschaft herzustellen.