Stumm und tief verwirrt hörten neun von den Elf diese Rede an. Selbst der ruhige, gefaßte Präsident Sturm zwang sich nur mit Mühe einige Sätze ab, in denen er die Vollmacht des Rates, jetzt also Konferenzministers, anerkannte, für die übergebenen Papiere dankte und erklärte, man werde sie in Ruhe prüfen.

Der Minister gegangen, blieben die Herren bestürzt, ratlos, mißtrauisch, tief erbost. Es gab also unter ihnen Männer, die auf eigene Faust zettelten? Die Nachbarn des Weißensee und des Neuffer rückten fast unmerklich ein wenig von ihnen ab.

Mittlerweile stellte sich der andere Neuffer, jetzt Minister, im Kriegskommissariat vor, verlangte auf Grund herzoglicher Vollmacht ein Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei der Landschaft. Drang, noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, im Ministerrat ein, verhaftete im Namen Karl Alexanders die Häupter der Grävenizschen Partei, ließ die Knirschenden, mit allen Himmels- und Höllendrohungen Protestierenden auf den Hohentwiel schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm, der Bruder der Gräfin, der eiskalte, der seine Schwester aus der Politik ausgeschaltet hatte, sich um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und Ministerpräsident, in Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und der Konferenzminister. Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und Kreaturen, der Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar Pfau, die Regierungsräte Vollmann und Scheid und die zahlreichen Subalternen ihres Anhangs. Wie sie sich gespreizt hatten! Wie sie groß und hochnäsig getan hatten und kaum gedankt, wenn man sie grüßte. Jetzt saßen sie in der Zelle und in dicker Finsternis und kein Hahn krähte nach ihnen.

Dann wartete Neuffer der Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram Aufleuchtenden, Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold und durch Anschlag bekanntgeben, daß Karl Alexander die Herrschaft übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, gegen ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk bedrückten, bereits habe vorgehen lassen, alle Freiheiten, insbesondere der Religion, fürsorglich schon im vorhinein mit fürstlich wahren und treuen Worten bestätigt habe.

Jubel im Volk. Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person. Genau wie auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser her, das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut fahren.

In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein Karrenweg. Von dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich in Wald, hörte ganz auf vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter. Von den Einheimischen hatte nur ein Gärtner Zutritt und ein alter Taglöhner, der Botengänge besorgte, beide mürrische Männer, die Ausfrager stehenließen. Man wußte nur, daß ein Holländer das verfallene kleine Haus von den Erben des früheren Besitzers erworben hatte. Den Behörden war er als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten gemeldet, er hatte den großen Paß der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form vollzogen, allen Anforderungen der Polizei- und Rentämter wurde mit peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte dort mit einem sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man erzählte eine merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen Einbruch in dem einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefaßt, überwältigt worden. Der Holländer habe ihm nichts getan, den Abgebrühten, Höhnenden nur eine Nacht über in ein Zimmer mit Büchern gesperrt. Schlotternd, tief verwirrt sei der Strolch andern Tags durch den Wald getorkelt, habe die Gegend für immer verlassen.

Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, verstummten wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame Spaziergänge, gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu Gesicht. Schließlich gewöhnte man sich an ihn. Da war nun eben ein Zaun mit gewaltigen Bäumen, und dahinter wohnte der Holländer, und wenn er verbotene Dinge trieb, so tat er das zumindest sehr still, und ohne jemand zu molestieren.

Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, der dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle teilnahm. Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor sich hintrieb und lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf einem solchen Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, der ihn von Baum zu Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte ihn ohne viel Gedanken und ohne besondere Mühe, durchschritt den Wall der hohen Bäume, stand plötzlich am Rand einer Lichtung und sah, inmitten von Tulpen und terrassenförmig steigenden Beeten anderer ihm unbekannter, sorglich gezüchteter Blumen das Haus des Holländers. Es stach fremdartig, ein blendend weißer, kleiner Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber war ein primitives Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend und verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft aber schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem das Bild des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den Tulpen.

Rabbi Gabriel ließ dem Mädchen jede Freiheit. Naemi blühte still und sanft und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, mürben, schweigsamen Diener und ihre holländische Zofe Jantje, die nun auch schon viele Jahre gutmütig, ergeben, geschwätzig und besorgt um sie herumwirtschaftete. Manchmal hätte sie gerne Menschen gesehen; aber da der Oheim sie fernhielt, war es wohl besser so. Geträumte Menschen, gelesene Menschen waren besser als die unten lebenden.

Sie erging sich mit Lust in den Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es waren zumeist hebräische Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der Kabbala darunter. Sie dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalistische Baum, der himmlische Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Es tanzten die Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens einen heiligen Tanz, sie hatten ihre bunten, schimmernden Fahnen, es regten sich mit vielen Gliedern die Figuren der heiligen Wissenschaft, es klommen die Dreiecke, es sanken die Vierecke, es sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige Stern. Aber die Sieben- und Neunecke reckten viele Glieder, spießten bedrohlich nach einem, umschmiegten einen lieblich. Und alles schlang sich in vielwendigem, artigem Tanz.