Es lehrte der Oheim: Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe der Schrift hat seinen heimlichen Sinn. Er öffnet sich, wenn du die Worte vergleichst mit anderen Stellen der Schrift, wenn du den Zahlenwert der Buchstaben zu neuen Gebilden destillierst. Sieh, hier ist Papier und ein wenig Schwärze darauf. Und ist lebendiger als ein lebendiger Mensch, ist sprechender Mund für die Ewigkeit. Ist dies nicht das Wunder der Wunder? Vor vielen tausend Jahren dachte einer, fühlte einer diesen Satz. Der Mund, der ihn zum erstenmal sprach, ist tot, das Hirn ist tot, das ihn zum erstenmal dachte. Aber seine Hand schrieb ihn nieder, und da er ihn niederschrieb, strömte Gott in die Buchstaben, und du denkst sie, spürst sie heute, nach den vielen tausend Jahren. In dem Geschriebenen ist Gott. Buchstaben leben, weben sich, Buchstab zu Zahl, Zahl zu Klang, in Ewigkeit. Was einer schreibt, das löst sich von ihm und lebt sein eigenes Wesen fort und spricht zu jedem andern. Aber wer sich heiligt, empfindet Gott in allem Geschriebenen.

So lehrte Rabbi Gabriel. Naemi hörte, mühte sich zu begreifen. Aber die heiligen Geschichten formten sich nur auf Augenblicke zu den strengen, mystischen Abgezogenheiten, die der Oheim ihnen abrang. Dann kehrten sie zurück und bekamen Farben und Fleisch und wurden in dem Blut des Mädchens zu bunten, lieblichen Fabeln und zu heroischen Abenteuern.

Sie las im Hohen Lied: Mein Geliebter hebt an und spricht: Auf, meine Schäferin! Meine Schöne! Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei. Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine Schöne! Komm! Meine Taube! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt! Laß mich deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.

Sie saß, zart und aufmerksam, und glitt mit erfüllten Augen über die großen, blockigen, hebräischen Buchstaben. Das Gesicht, sehr weiß wie das des Vaters, drehte sich auf schlankem, stolzem Hals, die Augen trugen uralte Träume, den Kopf hatte sie in die Hände gestützt, sanft rundeten sich aus zarten Gelenken die Arme.

Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung der Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der Jünglinge, welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß die Welt sich erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte es auseinander und wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; und schließlich versank er und verstummte. Sie hörte gläubig zu; aber kaum hatte er geendet, so wurden die Blumen wieder Blumen, und sie hörte die einfache, süße Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen flieht und ist vorbei. Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Und sie schließt die Augen und hört auf die lockende Stimme, und sie lauscht hinter die Bäume und hält den Atem an: jetzt wird, gleich wird, im nächsten Augenblick, der Schäfer sichtbar sein, der die feinen Worte läutet, die silbern klingenden. Doch niemand kommt.

Auch die Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiß das, was Rabbi Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, sie war Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch Mirjam war sie noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn ersäuften Aegyptern. Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den Nagel in die Schläfe schlug, nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit den wenigen Menschen ihrer Umwelt staffierte sie die Geschichten der Bibel aus. Hagar trug die Züge der geschwätzigen Zofe Jantje, die Propheten hatten die trübgrauen, steintraurigen Augen des Onkels und seine platte Nase, und sie redeten mit seiner knarrenden, übellaunigen Stimme.

Die Helden aber hatten die Haltung des Vaters, sein Gesicht, seine Augen, die großen, gewölbten, fliegenden, seine schmiegsame, beredte, beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, glänzende! Oh, daß er so selten kam! An seinem Hals hängen, das war Leben, und was sonst war, das war nur die Erwartung, daß er wiederkommen werde. Und alle die Helden der Schrift sah sie in seinem Bild. Simson, der die Philister schlug, trug seinen olivgrünen Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich in seinen klirrenden Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte, wiegte sich in dem roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater das letztemal gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf artig gefältelte Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit einem heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume sich verfing, war das reiche, gelockte, kastanienfarbene Haar des Vaters, und wenn David wehklagte: O Absalom! Mein Sohn! dann jammerte er mit der knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die feuervollen, geliebten Augen des Vaters, die er zudrückte.

Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die sein Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß massig der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der weißen Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem plärrenden Oesterreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat strahlte, hundert verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der Reife entgegen. Es war eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß er den Freund zum Präsidenten des Kriegsrats und Höchstkommandierenden in Württemberg ernannte.

Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll. Hochamt. Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis war dem Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die beiden geistlichen Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Herzog ihre Glückwünsche bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht anlegte, stand der Fürstbischof von Würzburg mit seinen Geheimräten Raab und Fichtel, stand der Fürstabt von Einsiedeln am Ufer, küßten den Herzog erfreut und herzlich, tätschelten blinzelnd Marie Augustens Hand.

Nach der Oper, die Majestäten und die Herzogin haben sich schon zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, der Fürst von Thurn und Taxis, die beiden Prälaten noch zusammen. Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der Herzog hat sich in Belgrad an ihn gewöhnt, säuft ihn in großen Zügen, derweilen die Jesuiten sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer von Kerzen und Wein.