Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen, daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst solange im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er solange für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und gesiegt, wieviel besser wird er können für sich selber fechten und siegen. Ludwig der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein gut Teil Griechenland gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl seine Fahnen durch halb Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf Eroberungen. Er spürt es, er ist der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat einen größeren zu machen, vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie es jetzt ist, jedenfalls läßt er sein Land nicht. Da stößt man sich ja blau und kaput an all den Ecken nach innen und außen und kann keinen Arm und kein Bein ausstrecken. Soviel Strateg ist er und versteht er von der Kriegskunst, daß sein kleines Land der Lage nach der Kern ist zu einem größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit Frankreich, ist günstig. Wenn man nur richtig vorstößt nach den württembergischen Besitzungen jenseits des Rheins, nach der Grafschaft Mömpelgard, die so mitteninne liegt im Französischen, und von da aus weiter: für einen Militär ist das eine exzellente Basis. Dann das viele Kleinzeug mitten im Herzogtum und an den Grenzen, die Reichsstädte Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil die Stadt, er begreift nicht, wie seine Vorgänger das haben so üppig wuchern und florieren lassen. Er wird sorgen, daß das dem Herzog nicht wie Steine im Magen soll liegen, sondern wie gedeihlicher Fraß.
„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier. Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht, daß sich davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein Gott! der Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von ihm. Es war nett, anregend, amüsant, daß er so soldatisch ins Zeug ging. Zwei Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich.
Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten Karl Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer betrieben, einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll, dann weil es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger herüberzuziehen, vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne hatten sie wirklich nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich gefügt hatte und dem Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben, konnte man schmunzelnd die vielerlei Komplimente über die eigene weise Voraussicht einstecken. Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach Kräften auszunützen. Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war immer gut. Daran war manches Süpplein zu wärmen.
Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog trage sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich ramponiert in Fetzen hingen.
Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm seinerzeit die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen Hammel, die mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem Qui vive gewesen und habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und jetzt, an der Macht, werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß sie sollen Blut schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat, so er ihnen nicht den Fuß werde auf den frechen Nacken setzen.
Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der Bruder Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und allerhand Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom Wein und wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig bindend. Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr Rom und die Welt.
Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft und Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die Güte seiner Sache würden das Papier schließlich zerreiben. Die Katholisierung des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei schwer, aber nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und geglückte Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und Soldaten zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle Hofchargen mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle Beamtenstellen im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne Rücksicht, alle. Ei, wie sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den guten Glauben! Wie viele wurden auf so einfache Manier der ewigen Verdammnis entrissen. Zuerst die Beamten, die Familie hatten, die am meisten um ihre Existenz fürchteten. Ei, wie rasch sie von der alleinseligmachenden Lehre überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische Ketzerei abschworen, ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren Seelen, atemlos, in den Schoß der Kirche.
Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten. Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung.
Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen Räten immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich nun, umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit vieler Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür der kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität gegen eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft.
Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof und Volk auf beide Wangen.