Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze Weile ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben wie in leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel. Ganz plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte hochfahrend getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben, aber innerlich war er immer zernagt und zerschüttelt von Zweifeln gewesen. Und nun mit einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein einmaliger, unter hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung gehabt, und er stand stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer, der gelächelt hatte und mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an den kleinen Prinzen und sich die fröstelnden Hände gerieben.
Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt, Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor ihm den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende, vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen, daß ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie.
Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen Forderungen an ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er unter der Hand durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais einer heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste renovieren, ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall. Traf umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich entgegenzufahren.
Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich, schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert konstatieren, offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt Glück gehabt, Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht spöttisch. „Es hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer ganzes Geld an den Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein Schlucker,“ sagte Süß ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere bereitwillig zu. Und, vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für Gewese und Gepränge und große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, es ist unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was macht Ihr Euch dick und stellt Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle sehen. Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich besser in den Schatten.“ Und mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine Schuldverschreibung in der Truhe ist besser als eine Goldbordüre am Rock.“ Und gutmütig, mit sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den Aermeln des Süß, während der andere, angewidert fast, sich ihm zu entziehen suchte.
So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz, gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie nichts, diese Flächlinge.
Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen, altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen. Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich mich und allen mitten ins Aug schaun.
Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich ihr in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er das sehr weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in behaglichem Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage erfüllt gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern, Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch in das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte sich vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und töricht, seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der willigen, bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher.
In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese leichten, bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wußte, daß der neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde. Süß war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem Spott, daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte er beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter, nur die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter zum Sohn, vom Sohn zur Mutter. Ging bald.
Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und nicht ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein, und sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein Auftritt.
In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen mit groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit seiner überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch, der alte Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden nicht vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon seinen blaßgelben Frack geschlagen hatte.