Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes Aufsehen in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus bezogen und war vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem Leibdiener, dem stillen, phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts herauszukriegen; es war eben ein großer Herr vom Hofstaat des neuen Herzogs. Allgemach erst erfuhr man, daß der Geheime Finanzrat, trotzdem er aussah und sich hielt wie jeder andere große Herr, ein ganz gemeiner, ungetaufter Jud war. Nun war eigentlich den Juden der Aufenthalt im Herzogtum verboten. Die Herren von der Landschaft machten auch schele Gesichter und hätten den neuen Finanzrat am liebsten aus dem Land geschafft; aber man wollte nicht um solch ein kleines Ding sogleich Hader mit dem neuen Herzog haben. Das Volk begaffte den Juden neugierig und mißtrauisch; allein man sagte sich, bei den verwickelten Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der Schläue der Juden, die die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man dem Herzog billig auch seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner mußte man zugeben, daß der neue Jud sich vorläufig anständig und unauffällig führte, und jetzt bei der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines großen Titels und seiner stolzen Uniform bescheiden im Winkel.
Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das kleine Häuflein des Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, prunkenden Uniformen, hochmütig getrennt von der dichten, schwärzlichen Masse der Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte diese Kammer und siebzig Abgeordnete der Städte und Aemter. Nur wenige wie der feine, kluge Weißensee und der verarbeitete Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten sich über der Lage; die meisten trugen besorgte, befangene, schwitzende Gesichter und standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden, hoffärtigen Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des Conseils, Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon bei Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich Friedrich gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der mächtigen Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich unter jeder Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft von diesen dreien, nichts Gutes auch von dem Juden, dessen Beiziehung zu dem feierlichen Empfang eigentlich eine Anmaßung war. Wie eitel und üppig der Kerl dastand! Es war, weiß Gott, eine Herausforderung der löblichen Landschaft. Nun, wart Er nur, man wird noch Wege finden, Ihm Mores beizubringen.
Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den Ministern, und daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, machte den Neuffer und den Juden wieder wett. Das war Georg Bernhard Bilfinger, der Philosoph und Physiker. Karl Alexander hatte den behäbigen Mann mit dem offenen, fleischigen, energischen Gesicht kennengelernt, als er gewisse Berechnungen und Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so mißtrauisch er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in sein Kabinett zu rufen statt eines Juristen.
Die beiden Gruppen, die kleine der Minister und die große der Parlamentarier, standen sich gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das eine groß, plump, schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd, bunt, beweglich, gefährlich. Aber trotz der betonten äußeren Distanz liefen Fäden von der einen Gruppe zur andern, Fäden von dem Parlamentarier Neuffer zu seinem Bruder, dem Minister, von dem ernsthaften, biedern, patriotischen Landschaftspräsidenten Sturm zu dem ernsthaften, biedern, patriotischen Geheimrat Bilfinger und schon von dem nervösen, feinen, neugierigen Diplomaten Weißensee zu dem merkwürdigen, zweideutigen, glatten, eleganten, neuen Finanzienrat, dem Juden, der hebräischen Exzellenz.
Die Versammlung wartete sehr lange, eine Stunde fast über die angesetzte Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, noch immer nicht die Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, noch immer die Türen verschlossen, die aus den Privatgemächern des Herzogs führten. Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, finster traten die Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den andern, auch die Minister begannen unruhig zu werden. Daß der Herzog vom ersten Augenblick an das Parlament dergestalt brüskierte, kam unerwartet. War es Absicht? Laune? Zufall? Vergeßlichkeit?
Nur Einer wußte es. Der Jude stand, lächelte, kostete den seltsamen Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, verstehend und genießerisch mit. Die Landschaft hatte mit seinem Bruder gezettelt? Gut, so mochte sie sich jetzt die Beine in den Bauch warten, dieweilen er sich mit der Freundin seines Bruders, dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf vergnügte.
Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die Verfassungsakte vor, die der Herzog beschwören mußte. Beigefügt waren auch jene Bestätigungen und Versicherungen, die Karl Alexander noch als Prinz abgegeben hatte und die Neuffer unmittelbar nach dem Ableben Eberhard Ludwigs den Herren vom Parlament überreicht hatte. Furchtbar umständlich, vorsichtig, langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr laut, mit gleichmäßiger, gewandter Stimme, durch die mächtige Hakennase leicht französelnd, las Herr von Schütz das endlose Schriftstück, der Saal war überheizt, eine Winterfliege summte, von den vielen Menschen in ihren schweren Kleidern ging Dunst, Atem, leises Geschnauf aus. Unwirsch, verärgert sah Karl Alexander in die vielen stumpfen Werkeltagsgesichter, die sich bemühten, pathetisch zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf den Vortrag dieser steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für ihn Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. Und das näselte so fort, endlos, endlos. Er mußte an sich halten, um nicht dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. Er kam aus einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die sanfte, warme Haut des dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr hemmungsloses, stilles, verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, Arme, Brust feuchtete, er war erfüllt von einem schlaffen, rohen Grinsen. Sehr anstößig schien es den Herren von der Landschaft, wie er mit belegter, heiserer Stimme – eine Nachwirkung des Genusses, aus dem er kam – asthmatisch, empörend gleichgültig und mit den Gedanken offensichtlich wo ganz anders die feierliche Eidesformel nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei meinen fürstlich wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus freiwilligem Herzen.“ Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener, das Rasierwasser sei nicht warm genug.
Gedrückt und voll Besorgnis entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er sie beschimpft wie der verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit unflätigem Gekeife über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man viel leichter aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche, verblüffend nonchalante Manier. Wie er sie hatte warten lassen wie lästig lumpige Bettler! Wie gleichgültig er, mit gelangweiltem Gerülpse, die Akte beschworen hatte! O schöne Freiheit! Man wird noch hart für dich kämpfen müssen. O süße Macht der herrschenden Familien, man wird viel Aerger und Verdruß haben, dich zu wahren.
Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte sich, warf sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es gegeben. Wie sie sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er schnaubte durch die Nase, sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, ein guter Tag. Erst dem sanften Heinrich Friedrich eins versetzt, dem Duckmäuser, dem Aufmucker, und dann das freche, filzige, schwitzende Pöbelpack heimgeschickt, begossen, würgend an dem hinuntergefressenen Verdruß.
Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, zu Süß: „Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat Gusto, der Duckmäuser, mehr Gusto, als ich ihm zugetraut.“ Lachte schallend und schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter.