„Ich will selbst regieren,“ sagte er zu einer Stuttgarter Deputation. „Ich will selbst mein Volk hören und ihm helfen.“ Eine Flut von Bittschriften brach herein, mit eigener Hand nahm er sie. „Ich will dir und mir helfen,“ sagte er einem Bittenden. Ins ganze Land ließ er ergehen, er werde sich durch keine Mühe und Schwierigkeit von dem, was zu wahrer Aufnahme und Flor des Herzogtums gereichen werde, abhalten lassen, werde sorgen, daß in allen Stücken ohne Schleich, Intrigen und Verwicklungen nach der altberühmten württembergischen Treu und Redlichkeit gehandelt werde. Wer immer eine Beschwerde in solchen Stücken gegen einen Beamten habe oder sonst in diesem Behuf ein Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen und ihm, dem Herzog, zu eigenen Händen kommen lassen.
Drei Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von allen Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am Rathaus jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der ließ nicht durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie Schnee im Mai schmolzen die Grävenizischen. Machten sich fort, wurden verbannt, auf Festung gesetzt. Der treibt unsere Treiber hinwiederum ein! schmunzelten die Bauern. Aufblühte an dem Sturz der Grävenizischen die saure Herzogin-Witwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie er Belgerad erstürmt mit seinen Axtmännern, ging reißend ab, und als gar ein Reskript das Niederknien der Supplikanten vor dem Herzog verbot, denn nur Gott gebühre solche Ehrerweisung, da mußte Süß eine neue riesige Auflage drucken lassen, und es gab kein Bürger- und kein Bauernhaus im Herzogtum, darin das Bild nicht am besten Platze hing. Und die Herren vom Parlament machten schele Gesichter.
Den Prozeß gegen den früheren Hofmarschall, den Gräveniz, und seine Schwester förderte der Herzog mit allem Nachdruck, doch ohne rechten Erfolg. Wohl saß der ehemals Allmächtige auf der Festung Hohentwiel; aber wollte man sich nicht Zwang und Ungerechtigkeit vorwerfen lassen, so mußte man vorsichtig und langsam vorgehen. Was gar die Gräfin anlangte, so war sie außer Landes, die evangelischen Höfe unterstützten sie gegen den katholischen Herzog, und die leise, behutsame Hand Isaak Landauers löste immer wieder alle Fäden, aus denen die plumperen württembergischen Räte der Gräfin ein Netz knüpfen wollten. Wohl wurde ein spezialiter verordnetes Kriminalgericht gegen sie eingesetzt, der erste Jurist des Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen in ganz Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David Harpprecht erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, gedoppelten, wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten Ehebruchs, wegen dreier Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs Gemahlin, wegen Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, wegen Fälschung, Betrugs, Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht die Todesstrafe gegen sie. Ein besonderer württembergischer Agent, der Baron Zech, wurde nach Wien gesandt, Bestätigung und Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er gab viel Geld aus, die kaiserlichen Räte zu gewinnen, an hundertunddreiundvierzigtausend Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer noch mehr ausgab, sei es, daß er einfach geschickter war, die Geschichte wurde langwierig und versackte schließlich in einen umständlichen, komplizierten Geld- und Vergleichshandel.
Dem Herzog wurde diese Affäre wie überhaupt die ganze Regiererei vom Kabinett aus bald öde und unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste erlassen, die Liebe seines Volkes errungen, und seine Räte, der polternde General Remchingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der schlaue Finanzmann Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle Mißstände abgestellt, Württembergs goldenes Zeitalter angebrochen. Wo in Deutschland gab es einen zweiten so pflichtbewußten Fürsten? Stolz vor Gott, den Menschen und sich selbst, geschwellt von dem Gefühl, den Titel, mit dem eine Adresse der Tübinger Universität ihn angeredet, den Titel: treuester Hirt und Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht verdient zu haben, überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen seinen Räten und fuhr, sich freuend auf das Soldatenleben, hungrig nach neuer Gloire, zur Armee.
Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und dem Professor Harpprecht über den Prozeß gegen die beiden Gräveniz. Die Herren saßen in dem prunküberladenen Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank, elegant; gewichtig, breit die beiden Württemberger. Der Prozeß stand nicht gut. Wien hatte nahegelegt, den früheren Oberhofmarschall von der Festung zu entlassen und seinen Vergleichsvorschlag anzunehmen; er wollte seine württembergischen Güter gegen eine niedrige Summe abtreten. Auch das peinliche Verfahren gegen die Gräfin war man in Wien zu bestätigen nicht geneigt, man verwies auf den Weg finanziellen Ausgleichs. Dieser Kompromiß schien den beiden Württembergern mager und der herzoglichen Dignité nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke, und eine so real denkende Dame wie die Gräfin könne schwerer als mit einer hohen Geldbuße nicht bestraft werden. Die geldliche Regelung solle man ihm überlassen, er werde sie bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs erledigen. Die beiden ernsthaften und gerechten Männer fanden diese Anschauung frivol und jüdisch, auch wußten sie, daß Süß Geschäfte mit der Gräfin hatte, und trauten ihm nicht recht. Aber schließlich war der württembergische Agent erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine andere Lösung als ein Vergleich, der Jude machte das wirklich besser als jeder andere, und der Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche und geschickte Hand. Verdrossen fügten sie sich darein, daß Süß die weiteren Verhandlungen führe.
Dies durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die den beiden Württembergern das Herz von Grund auf bewegte. Harpprecht, der Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, gewohnt, die Dinge rundum zu drehen, genau und von allen Seiten zu beschauen, und Bilfinger, der vertraute Freund des großberühmten Philosophen Wolf, von seiner Professorentätigkeit in Petersburg her über ganz Europa bekannt, geneigt, die Dinge ernsthaft und aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte Patrioten beide, ruhevolle, sachliche Männer beide, verschlossen sich nicht der Erkenntnis, daß einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf der Verfassung saßen wie auf privatem ererbtem Eigentum und die Repräsentantenstellen des Volkes gleichwie sonstigen persönlichsten Besitz, wie Häuser, Möbel, Wechsel sich überkamen, unter sich verschacherten; sie wußten, daß die Fahne der Freiheit immer dazu mißbraucht wird, daß einzelne sich Fetzen daraus schneiden für ihren privaten Vorteil. Aber sie waren trotzdem tief und von ganzem Herzen überzeugt, daß das Landesgrundgesetz und die landständischen Freiheiten die Pfeiler des Staates waren, und sie interpretierten alle strittigen Grenzfragen zwischen Fürsten und Volk aus dem freiheitlichen und verantwortungsschweren Ernst heraus, aus dem der erste württembergische Herzog, in kleinem Land ein wahrhaft großer Fürst, die Verfassung testiert hatte. Sicherung der Volksfreiheit war sein erstes Prinzip gewesen, „Attempto! Ich wag’s!“ seine Parole. Und daß der Fürst durch die Verfassung manchmal vielleicht selbst im Nützlichen, das er anstrebte, gehindert werden könnte, schien ihm nur ein kleines Uebel gegen das große Gute, daß er durch ein Grundgesetz und seine Schranken vor vielen und großen Fehlgriffen bewahrt werde.
Es handelte sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des Süß, die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler konnte allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert von Bilfinger, redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und höflich zu. Aber plötzlich sah der Gelehrte die Augen des Finanzmanns, diese großen, gewölbten, süchtigen, klugen, lauernden, gewissenlosen Raubaugen. Gesehen hatte er sie oft, aber jetzt mit einem Mal erkannte er sie. Was waren vor diesen Augen Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Ein Mittel für etliche Jobber, emporzuklimmen, wo er stand, an dem Baum zu rütteln, auf dem er saß, an seinem Baum, dem Herzog. Der Gelehrte sah, daß dieser Mann in der Verfassung und ihren Vertretern nichts erblickte als die Konkurrenz, daß er sie haßte mit dem bedenkenlosen Haß des Konkurrenten. Vor dem klugen, raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee gereinigten Blick des Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu Dumme-Jungen-Träumen, wurden angeschleimt, lächerlich. Er kam sich albern vor, wie er vor diesem Handelsmann vom Geist der Gesetze sprach, von ihrem schönen und würdevollen Sinn. Er sprach wie an eine hohle, farbige Larve hin; der andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das heraus, was er für seine schmierigen und selbstsüchtigen Projekte brauchen konnte. Harpprecht brach ziemlich unvermittelt ab, der langsamere Bilfinger hatte auch gespürt, was den Freund hemmte. Die beiden Württemberger entfernten sich bald, kühl, verdrießlich, von dem unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet.
Unter der Türe trafen sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak Landauer. Süß hatte ihn hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin mit ihm zu regeln. Die beiden Männer verstanden sich, ohne daß sie einander auch nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam darauf an, einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für den Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf schachernd rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch seine besonderen Interessen, denn jeder hatte Ansprüche an den Herzog sowohl wie an die Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den Herzog einen Gewinn von dreihundertunddreiundzwanzigtausend Gulden heraus, aber faktisch hatte der Herzog an die Gräfin hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu zahlen. Bei der Uebergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, und dem Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit weitere fünftausend Gulden in Rechnung.
So endete der Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das Herzogtum in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen Gewinn für den Geheimen Finanzienrat Josef Süß Oppenheimer. Die Gräfin lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. Die saure Herzogin-Witwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Uebel nahm überhand, die Aerzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. Sie aber starrte voll kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach Berlin zu der Feindin, der Person, und sie starb erst drei Wochen nach ihr.
Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzern, im Feldlager, ritt, fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein herzliches Wiedersehen mit dem alten, sehr klugen, etwas steifen und trockenen Oberbefehlshaber, dem Prinzen Eugen. Vor der französischen Uebermacht wich der vorsichtige Prinz zurück, bezog ein festes Lager bei Heilbronn. Schon standen wieder die Franzosen im Herzogtum, schrieben Brandschatzungen aus, Lieferungen. Doch Verstärkungen der Reichsarmee, vor allem von Karl Alexander bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück. Mit wildem Eifer betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der Grenzen. Die Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu hatte der Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes Projekt von wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit Geschick in Angriff genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte man an einigen Stellen die Berge eskarpieren, da und dort kleine Schanzen aufwerfen; so war diese Grenze absolut zu passieren impraktikabel. Auf dem Schwarzwald wollte man von Schiltach bis Oberndorf Linien ziehen, bis an den Neckar, den Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung dieser Befestigungen genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf Schwadronen. Und mit so verhältnismäßig kleinen Mitteln schuf man ein schwäbisches Thermopylä, an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel einrennen mußte.