Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders zunächst nicht entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der Regierung Eberhard Ludwigs unter den Einfällen, Brandschatzungen, Plünderungen, Raub, Mord und Gewalt der Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den starken, sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen Fürsten aus ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über den Rhein zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr verschwand, wurden die Landstände schwierig. Sie reizten den Herzog durch mannigfache umständliche und pedantische Beschwerden. Jeden Augenblick erschien eine Deputation bei ihm mit Reklamationen über seine Maßnahmen bei der Aushebung und bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn durch ihre dicken, stieren, kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe, selbstbewußte Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der Truppen vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant wurde ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße nachgeschoben, die Kriegssteuern gingen zäh ein, der Vollzug stockte, die Kassen waren erschöpft. Der Herzog, an sich zum Argwohn geneigt, begann seinen Räten zu mißtrauen, sie hielten es insgeheim mit der Landschaft. Er berief seinen Juden ins Lager.

Der hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik gespanntest belauert, gewogen, gewertet und wartete längst mit Gier auf diesen Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er sich seine Ziele abgesteckt, alle Schritte minutiös berechnet, jeder Zoll seines Weges, seines Terrains lag vor ihm wie eine mit mathematischer Präzision ausgeführte Landkarte.

So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl Alexander empfing ihn unverzüglich. Es war Nacht, Kerzen brannten, in einem Winkel hockte der Schwarzbraune. Der Herzog saß mit Bilfinger über geometrischen Tabellen. Er polterte seinen ganzen Unmut und Verdruß sogleich und jähzornig heraus, vor diesen beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn gegen die Minister, gegen Neuffer und Forstner vor allem, hatte sich verstärkt. Sie hatten ihn seinerzeit, als er noch Prinz war, dazu bewogen, der Landschaft jene Reversalien und feierlichen Urkunden auszustellen, um bei der Thronübernahme allen Intrigen für den Prinzen Heinrich Friedrich den Boden wegzuziehen. Jetzt redete er sich ein, die Ausstellung und Unterzeichnung dieser Urkunden sei überflüssig gewesen, und zudem hätten ihn die beiden Räte dabei betrogen. Sie seien im Einverständnis mit der aufsässigen und heimtückischen Landschaft, man habe aus der Reinschrift einen Bogen ausgelassen oder wegpraktiziert; die Reinschrift laute anders als das Konzept, das ihm vorgelegen habe. Unmutig und erschreckt hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden an, die der Herzog zornig und ohne viel Zusammenhang herauskläffte. Er zwang sich zur Ruhe, suchte den Herzog mit sachlichen Gründen zu überzeugen, daß er nichts anderes unterzeichnet habe, als was die Verfassung ohnehin von ihm verlangt und was seit dem Tübinger Vertrag alle seine Vorgänger beschworen hatten. Daß also die rechtzeitige Signierung nichts als eine schöne Geste, bei der Stimmung im Land aber zweckmäßig, ja unbedingt notwendig gewesen sei. Auf seine dringlichen Einreden schwieg Karl Alexander schließlich, unüberzeugt. Süß beschränkte sich darauf, genau zuzuhören; sein Gesicht mit dem vieldeutigen Lächeln stach in dem Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab von dem roten, erregten des Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich wandte sich Karl Alexander an ihn: „Und Er, Jud?“ Süß, achselzuckend, meinte, es sei allerdings auffallend, daß die klaren und weisen Befehle des Herzogs so schlecht und unvollständig ausgeführt würden. Sehr wohl sei es möglich, daß die Geheimräte mit aufsässigen Parlamentariern Konventikel hätten; aber ob untreu oder nicht, auf alle Fälle seien sie nach so ungenügenden Resultaten Unfähige, Diffikultätenmacher, Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte der Herzog. Nach seinen Erfahrungen bei den österreichischen Kriegslieferungen, erwiderte Süß, müsse man sehr hohe Geldbußen auf jede passive Resistenz setzen. Mit Geldstrafen komme man am weitesten. Der Bürger wie der Bauer hänge am Besitz, er opfere sein Leben lieber als sein Geld. Der Herzog sagte, er werde es sich überdenken, Süß solle Spezialvorschläge ausarbeiten. Der Jude erklärte, das habe er bereits getan, legte ein Bündel Akten und Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle Gründe gegen den Argwohn des Herzogs säuberlich zusammenzutragen, mildere, langsamere Maßnahmen zu empfehlen. Karl Alexander, unwirschen Blickes, unterbrach ihn, begann von den geometrischen Tabellen zu sprechen, die vor ihm lagen.

Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß in strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen verhöhnte den Süß mit plumpen, unflätigen Späßen. Süß haßte und verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken, empfing den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes, unempfindliches, verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte Sachlichkeit, Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem General knurrende, spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam war den beiden Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu gefallen, ihm Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe, selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur im geringsten gegen ihn auf.

Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch Gewalt hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem Gelärm nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die Depots von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die Kammern stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die Kassen, Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das eindringende Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll, strömte, junge, schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall Nachschub, Reserven. Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und rühmte vor aller Welt das Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen Finanzienrates.

Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es früher schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser, für Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last fielen. Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete Jugend des Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine ungeheure Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der Rekrutierung; wer aber vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte, mußte den fünften Teil seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde wurden gemustert, alle tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit langfristigen Anweisungen. Handel und Hantierung wurde mit schweren Kriegsabgaben belastet, die Steuern mit Härte eingetrieben.

Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des Herzogs. Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber, Bräute flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es mangelte an Menschen, die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte, Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich. Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler festgenommen und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die Flüche murrten weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten die Weiber nach Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden waren, aufgegriffen, knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt. Ueber ihren schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die schönen, fetten, glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert vor diesen saudummen Kanonen!

Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger, demütiger Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte das Land.

Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch, er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen. Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden, Aengstlichen, Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und ab, die sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte hinaus auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust, atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie zu empfangen. Oh, es war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben unter den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit.

Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste, schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus „Zum Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte: Unterm vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß ließ den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend, mit feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten, daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz erlaubt. Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts schreitend, konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog, wie er um der treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in Verruf komme.