Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er einen Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem durch Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war. Seine Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die Bürger in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er war stolz darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris kultivierte exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine, klingelnde Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und Solon, zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die Freude der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba, der Bon jour, madame krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben? und Ma vie pour mon souverain. Seine Tafel war erlesener als sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es war ein Wunder, woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln, Früchte nahm, die, bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf seinen Tisch kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die Kuchen, süßen Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche Konfisier des Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete.

Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt. Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer. Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem, unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe, auch die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt. Er pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte, schimpfte grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren aber pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart feilschend, Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen Kostbarkeiten, so viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen kleinen Stein gegen Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen Goldes gegen einen kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem kleinen Stein.

Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte. Die drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den eigenen Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa hatte sie ihm verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er liebte die Stute nicht eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie prinzlich er auf dem nicht großen, nervösen, ziervollen Tier aussah. Selbst der Polterer Remchingen mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe er fast aus wie unsereins.

Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat. Nichts sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift. Die Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug, sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden zu geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer bei der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten die Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich versammelte – klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte man sich eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich eine Partei, die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn er ausritt, sein Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um Herzog und Volk vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der Tübinger Jurist Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat, ausgezeichneter Kenner des Staatsrechts, war einer der ersten, die sich offen zu ihm bekannten, die Räte Bühler und Mez von der herzoglichen Kammer folgten, der Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister Knab, die Räte Crantz, Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von Lamprechts gar schickte seine beiden jungen Söhne in den Dienst des Finanzienrats, daß sie bei ihm Manier und höfische Sitte lernten wie Pagen. Die hebräische Garde taufte man diesen Hofstaat, der Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden, Süß vergaß es ihm nicht, und man machte sich mit vielen billigen Witzen lustig über die Judenzer. Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den Mantel nach der rechten Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich, daß das Haus in der Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war. Auch die mächtige Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in den Sälen des Süß auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer sog als grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre des Juden ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge, neugierige Weißensee.

Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle, wo massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier ragte. Ritt Süß auf seinem Araberschimmel glänzend durch die Straßen, so langten voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man wisperte wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins Blut brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er müsse heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog, ein wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie. Auch betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett auszuwählen, und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm aus vielen Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von Frauen, jungen und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und welschen, lauen und heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter der üppigen Leda des Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er sonst sich spreizte, versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die schweren, die ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten. Unter den vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig Schweigende, und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch die verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob spöttischen Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden Liebenswürdigkeit die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei Hof, in den Schenken, unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche, sicher nicht erfundene Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert, belacht, bezotet wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf den gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten Mann, ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten.

Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine dringlich ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin, sein Haus zu inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf von der Farbe alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte aus den langen, fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte vor dem Papagei Akiba, der Ma vie pour mon souverain krächzte, klingelte mit den kleinen, sehr gepflegten Fingern an den Miniaturpagoden, ließ sich von Süß einen merkwürdig geformten, nicht sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit kleinen, gleitenden Füßen an den tief sich neigenden weinroten Lakaien vorbei zu den Ställen und reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein Stück Zucker. Genoß befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß. Andere hatten kleine Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb sogar einen Chineser; aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch einem feinen Schimmel, santa madre di Loretto, den konnte nicht einmal Versailles aufweisen.

Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk sagte sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats mit ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön. Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges, amüsiertes Lachen und fuhr davon.

Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht.

Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er reiste, unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht tauchte hier auf, dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere Geschäfte; aber er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so zickzack seine Fahrt ging, immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg.

Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte hindurch das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben wurde. Fuhr den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam von Mittag, es hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich lagen die Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen voraus. Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große Schnecke ihr Gehäus; sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen.