Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es, warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht, das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein. Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten klommen silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf.

Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das Verkapselte niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein Hauch davon kroch über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in seine Nächte, wehte ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt auf seiner weißen Stute Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier unruhig wurde, leise bäumte, wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche Rechner, der die Dinge scharf und nüchtern und nackt in ihren Grenzen sah und bei ihrem Namen nannte, am lichten Tag überschreckt zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog wie in Abwehr; ein Gesicht schaute ihm über die Schulter, im Dämmer, nebelhaft, und es war sein eigenes.

Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es sich gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden, fordernden, trübgrauen Augen.

Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte fassen lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle begleitet, er war so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem Kind, und er war schon bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und Politik und Macht und Eitelkeit blieb lahm und staubig dahinter. Er sah den jungen Acker und er roch seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel dieses Feld bringen werde und wie man aus dem Umsatz dieses Getreides neue Steuern quetschen könne, sondern er sah nur die sanfte Farbe des jungen Korns und roch den wehenden Wind über dem Feld. Und er freute sich an den hohen, feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des Forstetats, ja er freute sich am Moos und, jungenhaft, an den Eichkätzchen, mit denen doch finanztechnisch gar nichts anzufangen ist. Und als er einen Bauernburschen sah, den Arm um die Hüften seines Mädchens, nickte er ihnen zu, und nur ganz ferne tauchte ein Gedanke auf an die raffinierte Steuerbelastung der jungen Ehen. Er fuhr zu seinem Kind, und sein Herz war schon bei seinem Kind. Wann endlich wird er den kleinen, weißglänzenden Würfel des Hauses sehen und die Blumenterrassen davor und sein Kind darin? Da, von der Landstraße ab, der Karrenweg. Er verläßt den Wagen, biegt, immer stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein. Hier der Zaun, er öffnet das versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die Beete jetzt, und jetzt, atmend, hingegossen hängt das Kind an seinem Hals, vergehend.

Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm, verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen in sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame fällt von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen Fluß der Stunde.

Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr, keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und rein ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie rein. Er hat mit ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden, herzlich ergebenen Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte, erdstumme Dinge waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als sprächen sie; sie haucht den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er spürt ihr Leben in den Dingen.

War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt, Fürsten sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus phantastischen Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und alle Schätze Edoms vor ihre kindlichen Füße legen.

Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie auf ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume, mit denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich Schleim und Ekel.

Doch da sprach Naemi. Mit ihrer kleinen, kindlichen Stimme sprach sie von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft war fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels.

Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der Schleuder, Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die Philister, voll heiligen Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus dem Tempel. Und alle waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten von ihm ihre Kraft, Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit einemmal stockte sie und wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem reichen Haar im Geäst. Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern überschauert, nach der Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen, lebendigen, hielt sich sehr fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte nicht, was sie bewegte.