Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags. Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an, das Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend, getürmt, er sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte, Geschäftsleute, alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo er stand, gefährdeten ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er saß hier fernab, kümmerte sich um nichts. Was alles konnte ihm entgleiten mittlerweile, was alles gegen ihn gewendet werden. Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß, unbegreiflich, daß er die Tage her an nichts gedacht hatte. Die Blumen sanken ihm zurück in ihre Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch und Leben der Dinge, die Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft waren ihm albernes Zeug. Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen, herzogliche, Reskripte, Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte, Leben, Macht. Mit halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm, verströmend, im Arm lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das weiße Haus, die feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und die Kapsel sprang zu.

Wie er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden, sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war schön, sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen Gesicht standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst als er auf dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn, sprang auf, starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der Teufel! Der Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß erklärte der gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen Sibylle Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“

In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog. Was not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in Frankfurt, was ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und unsichern Hin und Her in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war Bestätigung seiner selbst, seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall, Sicherung. Er schickte nach seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr groß und glänzend in Frankfurt ein.

Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten wackelnde Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben vielbeweglich die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person, keine Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken des Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer, geachteter Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef Süß, so hoch, so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der Darmstädter, der Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu werden. Ei, wie sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein Jud ist, reißen die Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich bis zum Boden, und wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt, als wäre er der Herzog selbst.

Süß schleckte gelüstig die Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch zum Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der Gemeindepfleger kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein ernsthafter, kleiner, nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern, tiefliegende Augen, sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm Segenswünsche auf den Weg.

Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd seine Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des weißen Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten Entwürfen, kehrte er nach Stuttgart zurück.

Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte sein Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle Operationen kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen Fragen ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war, daß man mit ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee rechnen mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und weit entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in seiner Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt, sein Asthma bedrängte ihn.

Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase unter mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm, als höre er die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh schnürte ihn unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten in einem stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine rechte, Süß hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich Karl, der Schönborn, der Würzburger Bischof? Wie schaurig possierlich er aussah. Und alles war trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr er weiter.

In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in ihrer leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes in Versailles erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem französischen Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe bringen. Es war gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief gewurmt.

Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte ihm aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis schließen zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und Husten, Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß.