Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten, ab und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen Ausschusses zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen Abgeordneten verstärkt werden.

Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des Juden.

Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale Gesinnung gegen den Herzog feststehe.

Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art die Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft in eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte. Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte, den einen Fuß bloß, im Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd, erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande über die Grenze jagen.

Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit, der Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den Ausschuß zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den Abgeordneten Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die europäische Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den Fürsten und somit fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden. Behutsam saß der andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des Herzogs, nannte nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei Namen. Bog sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem, Belanglosem. Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich, beiläufig, der Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und ausgeschöpft, ob er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein Berater von seinem diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und Gelehrsamkeit wäre in Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt, schnupperte der Prälat, griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene Schwäche und Verräterei, nannte seufzend, als Süß wieder auf den einzuberufenden Landtag zu sprechen kam, die geforderten Namen, verriet in den nicht genannten die Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war durchaus nicht die beste aller denkbaren Welten, wie gewisse à la mode-Philosophen wollten, es war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt. Nur der Einfältige konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert und nicht ganz abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte unsauber und zum Verräter werden.

Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der Liste des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die Deputierten.

Unter solchen Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die Unterhaltung eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte. Nicht im Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine Sitzungen ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten Wort der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach einer nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade ab, hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige Antworten gaben.

Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des Herzogs genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste von allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen, vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung bescheiden die Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der Lage und die Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben, wurden Süß und Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die Deputierten mürb und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses wichtigsten Punktes nicht bestanden. Niemals hatte, seit es eine Verfassung im Land gab, ein württembergischer Herzog vom Parlament solche Zugeständnisse erreicht wie Karl Alexander und sein Jude.

Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart.

Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich. Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend, hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte, verzehrte sich der schwächliche Mann in Ohnmacht und grellen Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten Mann und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten Blicken auf das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine einzige traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die kraftlosen, schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals, drückte langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du kannst ja nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde, phantastische Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den Leichnam vor sich quer übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk groß zur Rache aufruft. Oder wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der Geliebten die Füße zu küssen, wie er dann beide tötet, die Frau feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den Bruder einscharren wie einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer Rachegott, über allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte sich nur daran verzehren und sterben.