Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf zertreten.

Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose Schreiberei.

Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf, hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende, verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt gemacht die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken.

Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs. Waren es nicht die gleichen Männer, die Karl Alexander seinerzeit die Reversalien abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen, die sich dann in Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in Belgrad im Konzept? Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt eingeschmuggelt in die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß den alten Argwohn des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene, die Herren, mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines Schriftstücks. War die jetzige erfolglose Suche nach den sicher vorhandenen Dokumenten des Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und Bestätigung ihrer damaligen Praktiken, Zeugnis des geheimen Einverständnisses mit dem meuterischen Parlament?

Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren, das, wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer, Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über Württemberg ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß nicht, auch genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien, hielt sich in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten. Und schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des festungsbaukundigen Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten können.

Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich an Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er diese ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem plumpen, schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer Verbindlichkeit, daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem Hohnwort nichts gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder durch eine Anspielung, eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich selber dem Kammerdirektor seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel geladen. Man saß, ein kleiner Kreis, unter dem Deckengemälde, dem vielfigurigen Triumph des Merkur, hatte von goldenem und silbernem Schüssel- und Tellerwerk raffinierte, gewürzte Speisen gegessen, aus den kostbaren Kelchen fremde, starke Weine getrunken. Nun saß man schwer, dampfte, verdaute. Da sagte der Jude leicht und verbindlich zu dem Kammerdirektor, er bedaure, daß Serenissimus seine erfahrenen Dienste so gar nicht mehr schätze; aber der Herzog möge eben die alte Garde partout nicht mehr leiden, nicht riechen könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre der Kammerdirektor eben einmal nicht. Der schwere Herr sah ihn fassungslos an, stammelte etwas, starrte verloren vor sich hin, schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war arm, ein gerader, beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er hatte sieben Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade, schimpflich aus seinem Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich.

Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche, schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig, in mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß, die Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen entscheidenden Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie besetzt. Süß selber aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts als den Titel Geheimer Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin; aber er war, und alle Höfe wußten dies, der wahre Regent des Landes, er hielt auch ohne Siegelring seine Hand über dem Herzogtum.

Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus der Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten. Geruhig, sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit Lücken hier und Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen, festen Männer wird man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die Arbeit, die Männer wieder fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett. Einteilen wird man sich sein Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird man wirtschaften. Die Pferde wird man wieder haben, die lieben, kräftigen Rösser, sie werden abgerackert sein, aber man wird sie schon glatt und hoch bringen. Alle Aecker wird man bestellen wie früher, den Weingarten wird man nicht weiter verludern lassen, das Haus nicht verdrecken und verfallen. Die kleinen Bürger in den Städten werden ihr Auskommen haben wie vor dem Krieg, die Materialien für ihre Hantierung, Eßwaren reichlich und Wein. Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen hochbepackt, sich sagen müssen: Je, ist alles für die Soldaten! Selber im Land wird man haben, was man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo die Truppen wieder herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen, Troß, Proviant, das Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und Saft zurück. Nach Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden Wolken.

Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als die Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die Bilder des Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung brach aus, Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges, aber rascher noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier belegt, denn Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien kam ein Soldat, überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern. Spionierer gingen herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter Last beladen. Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch gekuscht vor des Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt eingeschreckt von den Garnisonen, von den fremden, katholischen Offizieren und ihrer Brutalität.

Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es jetzt haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte von Tag zu Tag.