Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt, jetzt, langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu. Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus, seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles, auf Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens werden auch die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder auf die Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar.

Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und Stellen verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht an den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem Behuf zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat bis herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland fortzubringen. In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus Heidegger rasche Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt, daß seine Väter ein Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem mittellosen Friedrich Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme Fürspruch Bilfingers nicht zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in Sankt Petersburg, bei den Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete schwäbische Physiker Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus allen Winkeln der Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen Aemtern. Wie sollte man Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei Beamten, die ihren Posten teuer bezahlt hatten, die keine andere Legitimation hatten als solche Zahlung, kein anderes Ziel kannten als wucherische Verzinsung des angelegten Kapitals.

Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er wollte, mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem nützte das bestverbriefte Recht nichts.

Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus, dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der herzoglichen Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich freiwillig, spürten die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz standen, nicht versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament. Dann hängte man ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen unrechtmäßig erworben, schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche Zeugen auch den Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los zu sein, die geforderte Summe zahlte. Selbst gegen längst Verstorbene wurden Prozesse instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten.

Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht, bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs angesagt wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten, der ihm die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn der bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht, drang bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein, ließ sich aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei alles in Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun wurde der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn verfügt. Er floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter beschlagnahmte das Fiskalatsamt.

Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine halbe Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte Preziosen.

In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde, auch nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom Landschaftshaus. Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so harmlos, ja wohltätig aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen wie Mühlsteine, daß man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von dem Haus an der Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus, knurrte Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein Pasquill an, aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen Seiten. Denn der Jude hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und wer sich gegen ihn verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen oder in den Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in ewiger Nacht.

Im Blauen Bock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, unter ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur zu sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder ergänzte von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und die Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor Benz saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden Backen.

Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs, Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte, zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen, sog durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden.

In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger Swedenborgs und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar wegen seiner Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der Juden einen Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als willkommene Geißel. Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage, predigte er, so gehe er durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen Leute seien solcher Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten schlagen auf sie hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie hinein, der vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht aus, gehen also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der Prädikant wurde zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland herum. Aber seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen dankten die Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu sich trieb.