Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie im Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, ihn zu Gott herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites Mal.

Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern im Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel zu kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in dem sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste Kraft und Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott zu führen, das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die Augen schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen.

Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von den kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden. Magdalen Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog, was waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben wird.

Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz auf, den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen aussonnte, wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang. Er sah dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im Zelt, sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals schüchtern und in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch ein zweites Mal das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen, widrigen Herbsttag gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild verfahlte vor jenem ersten, viel seltsameren, prall besonnten. Dann später einmal hatte ihn die Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich um die herzogliche Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran gescheitert, daß er das Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die Stelle gefordert wurde. Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so konnte er in Hirsau bleiben und um den Wald und das weiße Haus herumträumen.

Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen Sibylle im Kollegium eine merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern seufzten demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not und der Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das Herzogtum gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen und Magdalen Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle und gingen durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle miteinander und erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum.

Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes nicht. Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe des Kalifen gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner Daniele Foa verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen Geschäftsfreund, den Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn es war sein Eigentum, und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es nicht. Er wußte damals noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm selber war, er ahnte es dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm sprach, es rann ihm lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber waren diese kurzen Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es nicht.

Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während sie unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er ist schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von mir selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln. Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu ihnen. Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte rennen und fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut klopft, bin ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und ich bin in meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den Kopf hoch auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden Bürgern zu: Aufgepaßt! Er kommt! Er!

Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her und zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des Hofs und der Gesellschaft. Nur Eine von den Vergnügungen des Kavaliers haßte er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen, hin und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so sehr er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem Aas der erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe, Schweine überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher Beruf, immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff durchaus nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier, die zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war.

Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree schier eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten hielt er in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr als den Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim leisesten Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen, Auspeitschen, Untermgalgenbegraben.

Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich ihm. Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der jede Schranke niederbrach.