Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus dem Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten. Voll ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr beigemischt, sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man von ihm verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat seines Finanzdirektors.
Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes, starres Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch er sie bewältigte. Wohl hatten auch bisher die großen Geldmänner seines Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor ganz Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war elegant und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte ihm kein leises Zucken nachspotten.
Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in der Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin, dorthin, ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu allen Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle, pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der Berberei, jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen Küste. Sein Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender, taumelnder Umsatz. Nicht großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger Gewinn dadurch, daß man von allem ein winziges Bruchteil in der Hand behielt. So mühte er sich, seine Hand in allen Gelddingen Deutschlands zu haben, er kontrollierte Industrie und Kommerz in allen Ecken und Winkeln Europas und ein ansehnlicher Teil des gesamten deutschen Vermögens lief durch seine Kassen.
Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen Hof etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und Präsenten. Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht, lachte: „Laß den Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier ich das Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor allem aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo, ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten Totengesicht und immer in verschollener, schlecht sitzender, schlotternder portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er hohe Titel und Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen beherrschte er den Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen Juwelenhandel. Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den verhaßten Konkurrenten auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und mit Leidenschaft; kalt, zäh, lauernd wich der andere, der hagere, unheimliche Portugiese, und nur Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen war er nicht, sein Schatten fiel immer wieder über die Geschäfte des Süß, aber es war doch an dem, daß man die besten und seltensten Steine jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß gewisse ganz erlesene Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren.
War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch dicke Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich stetigen und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß in ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war. Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und kein Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende Judengroschen.
Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und subalternen Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz verkannt und gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein anderes Mittel übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten Umsatz des guten Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das beste unter allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und gesuchteste. Vor allem aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner Münzgebarung seine Feinde mundtot zu machen. Er wußte, hier würden seine Gegner zuerst einsetzen, hier konnte er über den kleinsten Fehltritt stolpern; wurde er andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit ungeheuer steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd, wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen zu schwer aus, es sei zu wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit.
Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen. Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein fürstliches Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die fürstlichen Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem privaten Nutzen Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien privilegieren und kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld aus allen Taschen.
So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm, als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann hob er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn eine unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig possierlich er aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem ernsthaften, schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden.
Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke. Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins Nichts, zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war da und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben.
In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte. Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen, jetzt waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten eine Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine Seidenmanufaktur. Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als die Fabrik noch klein und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie, Christoph Adam Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft durchgesetzt und der Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert überlassen. Auf diese simple Manier war die mächtige Favoritin für das Unternehmen interessiert worden, sie verschaffte der Gesellschaft Privilegien und Aufträge. Dann später, als die Gräfin in Ungnade war und ihr in Württemberg liegendes Vermögen liquidieren mußte, konnte Christoph Adam Schertlin ihre Aktien durch gewisse Unterhandlungen mit Isaak Landauer billig zurückerwerben. Jetzt hatte er sich vom Kommerz zurückgezogen, das herzogliche Gebiet verlassen, in der freien Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und neu eingerichtet. Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen.