„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck gegen den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß. Und, den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß. „Ich biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese. „Ich verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“
Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus Kuchen und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte, und ein ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des Merkur nach, der oben auf der Decke posaunte.
Nach Tafel, während der Ball beginnt, sitzt das Herzogspaar mit den bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen, beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter Affe wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor, Lapislazuli herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat Fichtel sitzt vor seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee ein hintergründiges, umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen läßt seinen Unmut über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den Gelassenen, Höflichen mit plump unflätigen Späßen.
Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es fein und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das erstemal erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem Arbeitszimmer, wie sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr jung dalag; eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man brauchte keine scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein einziger Drang zu ihm war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von ihr sprach, eine rasende Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß erst das Geschäft und der Herzog kam und Weiber und Geilheit und Sentiment erst hinterher, daß er sogleich mit dem üblichen hemmungslos ergebenen Blick sagte, er freue sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er mache Seine Durchlaucht bloß submissest darauf aufmerksam, daß die Demoiselle, soviel er wisse, eine Erweckte sei, somit schwer traktabel und leicht Zustände kriegend; auch sei seines Bedünkens dieses Faß noch nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“ lachte schallend der Herzog, und nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und gerade nach so was jücke es ihn heut, und daß sie eine Pietistin sei, würze den Braten doppelt. Und er nickte dem Weißensee, der nicht fern mit Fichtel und Schütz Konversation machte, jovial und gnädig zu.
Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner Ketzer, aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse, ihr Herr Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den schwärmerischen Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript unterzeichnen müssen, das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung sektiererischer Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er die Beata Sturmin gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung, habe er sich gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine Frau nicht just reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen Sibylle, vermeine er, daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel für sich habe. Ob sie ihn nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen Sibylle hörte dem platten Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl Alexander, vor seinem erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine Frivolitäten reizten sie nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst wäre sie ob solcher Lästerung wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt, auch diesem wütigen Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu glühen. Jetzt fühlte sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig, und Gott blieb im Dunkel sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott verwarf sie.
Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe er sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation mit unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen Sibylle sei ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben Gott brauche, rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei nahm er ihr die Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen drangen zügellos auf sie ein.
Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik schwamm erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen, die Augen und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes, Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen, geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen, gleich wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick, erlöst sie ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer Durchlaucht aufzuwarten.
Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond, dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm, mit seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth Salomea. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, sahen sich lächerlich ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen, schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich, in nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen, ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg und statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne, üppige Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten, ihren Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich, offenbar als Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des Kammerfiskals Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in seinem sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen; gewandt und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin sei ihm eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen; die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus seinem Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die zynische Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend entlohnte und entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von Schütz gefiel diese weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme Aktuarius Götz wußte nicht recht, was er machen solle, er legte großes Gewicht auf korrekte Form, er wußte nicht, solle er dem Juden beipflichten oder ihm zu Leib, er entschied sich schließlich für ein stummes, martialisches Gesicht. Die zarten und süßen Damen Götz aber, Mutter wie Tochter, bestaunten die überlegene Eleganz, mit der dieser Kavalier eine Amour beendete, und schauten voll Bewunderung und zärtlichen Interesses zu ihm auf.
In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt, wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend die Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle hatte einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich, wie sie kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war wie erlöst, daß sie den Herzog nicht mehr hören mußte, sie spürte das Wohlwollen, das von der Herzogin zu ihr herüberging, aber die gleichgültige Förmlichkeit im Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem. Sie saß stumm, während die anderen weiter leicht und belanglos konversierten, und plötzlich löste sich Furcht, Spannung, Enttäuschung, Empörung, Erwartung in ein ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die Herzogin hinwarf. Betretenheit und leichtes Schmunzeln bei den anderen, Marie Auguste streichelte mit der kleinen, zierlichen, fleischigen Hand die große, kalte des Mädchens. Süß aber nützte geschickt die Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich beruhige, führte die Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese Riolles, es lächelte der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz fand wieder keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die Herzogin, unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren Gemahl und konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner Nähe vorbeiführte, ihm zublinzelte.
Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn man aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es war das Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das Prunkbett mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen Räumen allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach den menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren Luft, seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend.