Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend, gelöster die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und gelockert von all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und verbindlich vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und ungeschickt, daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar nicht zu schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel.

Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den Mann an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat keinen Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu Leib zu rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit sänftlichen Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja nur darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne.

„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner dunklen, streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner Gegenwart ein Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück hatte, Sie zu sehen, im Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie vor mir davon. Als Sie mir dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer Aufwartung machten, wurde Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo ich glaubte, nach meinen bescheidenen Kräften alles getan zu haben, meine Gäste in guten Humor zu setzen, sehe ich zu meinem schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder nicht getroffen habe. Ist meine Visage wirklich so abominabel und widerwärtig, Demoiselle? Oder sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“ Und er neigte sich zu ihr, die groß und gerötet auf dem Diwan saß.

„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich mit einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich weiß sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen, daß ich gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu unterwerfen.“

Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt, er verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß Magdalen Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach einer Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube, Gott, sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem, sichtigem Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte ihm im Eifer die Hand hin.

Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch präparierte Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als plötzlich der Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt, hilfesuchend, starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend. Aber der Jude sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und auf einmal war sie allein mit dem Herzog, und der Papagei gellte: Ma vie pour mon souverain, und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht stand das freche, prunkende Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer, unfreier Stimme etwas Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes Gesicht, das leicht schwitzte, sie sah seine Augen, die sich verdunkelten und verwilderten, roch seinen trunkenen, erhitzten Dunst. Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte eine Entschuldigung, wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür war verschlossen. Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte umständlich den kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß nur ihr Atem hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu, nahm ihre Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang, knochig, behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte sie fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend flatterte der Papagei.

Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln gemessener Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl, gekitzelte, halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn von Schütz, selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die Schwingen nicht höher.

Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem kleinen, lüsternen und amüsierten Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte, und machte den Damen Götz, Mutter wie Tochter, für die sich auch der Herzog interessierte, mit so wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der Aktuarius Götz, da er seine drohende Miene nicht beachtet sah, sich in einer Ecke stumm und ratlos besoff, während die beiden Damen die zynischen Galanterien des Juden hingegeben und töricht himmelnd erwiderten. Die kleine napolitanische Komödiantin, gelb, leicht fett und verderbt, hatte sich an den alten Fürsten Thurn und Taxis herangemacht. Sie tat, als wüßte sie nicht, wer er sei, als streiche, kitzle, schmeichle sie nur wegen seines eleganten und distinkten Aussehens und Geweses um ihn herum. Der alte Fürst, als er sah, daß er trotz der gleichfarbigen Domestikenlivree auch in Weinrot wirkte, lebte auf, sein Aerger fiel zusehends von ihm ab. Zumal sich auch Remchingen um die Komödiantin bemühte und sie den stark trunkenen General, der mit schon verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt neben dem feinen, alten, reichen Fürsten abfallen ließ. Aber aus seiner Ecke starrte der Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen, von Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und während sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand sie noch Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten Blick den jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in ihre Geleise zu zwingen.

Weißensee, der Konsulent Neuffer und der Würzburger Geheimrat Fichtel waren mit Schütz und Herrn von Riolles beim Pharao gesessen, jetzt trank der Würzburger seinen Kaffee, Weißensee und Neuffer kosteten von dem schweren, schwarzroten Sekt, der im westlichen Deutschland nur bei Süß zu finden war, und man sprach von Politik. Eifrig und mit düsterer Dringlichkeit sog Neuffer, in seinem scharlachenen, zusammengestapelten Kostüm komisch anzusehen und viel bespöttelt, die absolutistischen Theorien ein, die der Jesuit mit feiner und sachter Selbstverständlichkeit entwickelte.

Weißensee indes war nicht so bei der Sache wie sonst wohl. Er schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf rastlos herum, er fragte den und jenen, ob er seine Tochter nicht gesehen habe; aber niemand hatte Magdalen Sibylle gesehen. Und Weißensee schwitzte an den langen, feinen Händen, und seine skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links.