Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte Nicklas Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den komplizierten Mechanismus des Balles leitete, eine Ueberraschung ausgedacht. Die Decke mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur öffnete sich, auf einer Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er schwebte über den Gästen, streute Rosen, huldigte in zierlich gedrechselten Alexandrinern dem herzoglichen Paar, gratulierte dem Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr anstelliger Knabe, er sprach seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido auch ein weniges schwäbelte, so war das, meinte Remchingen sehr laut, immerhin besser, als wenn er etwan gemauschelt hätte.

Als unmittelbar darauf der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer kleinen Störung. Ein verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand auf einmal im Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend um ihn, glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und unflätigen Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze hebräische Raub-, Mord- und Sauwirtschaft ernst gemeint waren.

Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte in Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die Kneipe zum Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden Kleinbürgern besoffen, während der Konditor Benz schweigend, giftig und befriedigt zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ worauf allgemeines Grunzen und Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann Ulrich Schertlin gesessen, er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht, denn jetzt stand er nicht unter dem länglichen, vorwurfs- und verachtungsvollen Aug der Waldenserin, er hatte viel getrunken und war schließlich in das Haus des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen. Etliche von seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun draußen im Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die Straße fiel, die Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur Heimfahrt vorgefahren waren, hatten sich ihnen zugesellt, und da standen sie nun, mehr neugierig als empört, bis Johann Ulrich in Ketten auf die Wache geführt würde. Der aber stand eben inmitten der seidenen Gäste, schmutzig, stinkend, voll von schlechtem Wein, maßlos und unflätig schimpfend. Schon wollte man ihn der Polizei übergeben; doch Süß, wie er hörte, das sei der Schertlin, gab Befehl, ihn für diese Nacht ins Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen seiner Frau nach Urach heimzuschicken.

Und das Fest ging weiter. Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der Affäre mit Johann Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt endlich gelingt es ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt sich abseits mit ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu reden. Er schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat das Kostüm des antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt warm, weindunstig, rotköpfig, schwer, er lacht und lallt und klopft dem ehrfürchtig und ergeben zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein delikater Bissen!“ schmatzt und schnalzt er. „Das hat Er gut gemacht, Jud, daß Er mir die hat eingeladen. Ich werd’s Ihm auch am rechten Douceur nicht mangeln lassen. Ein deutscher Fürst läßt sich nicht lumpen. Ein delikater Bissen!“ Er schilderte Magdalen Sibylle, malte mit seinen roten, plumpen Händen, die seltsam waren mit dem schmalen Rücken und dem kurzen, fetten Innern, die Einzelheiten ihres Körpers, Schenkel, Brüste. „Ein Füllen, ein wildes! Schlägt aus und bockt und beißt und glüht. Und ist eiskalt, wenn sie sich dreinfinden muß.“ Er wies auf die kleine, gelbe, geschwinde Napolitanerin, die bei allem Getue mit dem alten Fürsten Zeit fand, ihm zuzuäugen, spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im Mundwinkel. „Das da ist ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag Seine Durchlaucht der Herr Schwiegerpapa glücklich werden damit.“ Er gluckste ein kleines, verächtliches Lachen. „Aber die andere, die meine Herzdame, Kotz Donner! die ist kein welsches Gelump. Knickst nicht und knickt einem nicht zusammen im Arm.“ Er lehnte sich verträumt und sentimental zurück. „Die meine ist wie ein See im Wald,“ sagte er mit einer vagen, rudernden Handbewegung. „Wie ein See im Wald,“ wiederholte er lallend, sank ein wenig vornüber, machte die Augen zu, schnaufte.

Süß wollte sich schon, wütend, vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da begann Karl Alexander von neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat sie, das Luder! Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst du nicht. Das rätst du dein Tage nicht.“ Ein Lachen stieg auf in ihm, still zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schütternd, immer lauter: „An deinen Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel – Augen hat sie, das Luder! – Der Magus – Das Erste sag ich Euch nicht –“ Jäh packte ihn Zorn: „Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der verfluchte, hintertückische! Soll er’s verschlucken, soll er erwürgen dran und ersticken, der Hexer, der jüdische, vermaledeite!“

Süß, erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, mühsam, betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine stolze, statuarische Feldherrnhaltung einzunehmen so wie auf dem Bild mit den siebenhundert Axtmännern und Belgrad, gröhlte, rülpste, schrie: „Mir kann einer prophezeien, was er mag. Ich fürcht mich nicht. Attempto! Ich wag’s! Ich bin Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck! Von Gottes Gnaden! Ich steh über dem Schicksal! Der deutsche Achill! Von Gottes Gnaden!“ Und er stand wie sein eigenes Monument.

Sehr bald aber fiel er zurück in seinen Stuhl. Lächelte unvermittelt. „Wie ein See im Wald,“ lallte er noch, schnaubte, schnarchte, rasselte, röchelte, schlief ein.

Und das Fest ging weiter. Tobend, wie ein Füllen, das ohne Reiter und Zügel übers Feld rast. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo Johann Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane, ernüchtert, müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das schlief, ächzte, sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf auffuhr, vor sich hinmummelte, knurrte. Und wieder einschlief und weitertrug.

Drittes Buch
Die Juden