In den Städten des Mittelmeers, des Atlantischen Ozeans saßen die Juden groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient und Okzident. Sie langten übers Meer. Sie rüsteten mit die ersten Schiffe nach Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelamerika. Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen Erdteils. Legten zur Entwicklung New Yorks die Fundamente.

Aber in Deutschland saßen sie klein und kümmerlich. Im vierzehnten Jahrhundert waren sie hier in mehr als dreihundertundfünfzig Gemeinden erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben worden. Die Ueberlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert. Seitdem saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf sechshundert Deutsche kam Ein Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür. Untersagt war ihnen Handwerk und freier Beruf, die Vorschriften der Aemter drängten sie in verwickelten und verwinkelten Schacher und Wucher. Beschränkten sie im Einkauf der Lebensmittel, ließen sie den Bart nicht scheren, steckten sie in eine lächerliche, erniedrigende Tracht. Pferchten sie in engen Raum, verrammelten die Tore ihres Ghettos, sperrten sie zu, Abend um Abend, bewachten Ein- und Ausgang. Dicht zusammengepreßt saßen sie; sie mehrten sich, aber man gönnte ihnen nicht weiteren Raum. Da sie nicht in die Breite bauen durften, schichteten sie in die Höhe, Stockwerk um Stockwerk. Immer enger, düsterer, verwinkelter wurden ihre Gassen. Nicht Baum, nicht Gras, nicht Blume hatte Raum; ohne Sonne standen sie, ohne Luft, einer dem andern im Licht, in dickem, seuchenzeugendem Schmutz. Abgeschnürt waren sie von der fruchtbaren Erde, vom Himmel, vom Grün. Der wehende Wind verfing sich in ihren grauen, stinkenden Gassen, die hohen, verschachtelten Häuser versperrten den Blick auf die ziehenden Wolken, die blaue Höhe. Gebückt schlichen ihre Männer, ihre schönen Frauen welkten früh, von zehn Kindern, die sie gebaren, starben sieben. Totes, brackiges Wasser waren sie, abgesperrt vom flutenden Leben draußen, abgedämmt von der Sprache, der Kunst, dem Geist der anderen. Dick aufeinander saßen sie, in übler Vertraulichkeit, jeder kannte jedes Heimlichkeit, klatschsüchtig, mißtrauisch rieben sie sich, die gelähmten Beweglichen, scheuerten sie sich wund einer am andern, einer des andern Feind, einer im andern verfilzt. Denn jedes einzelnen kleinster Fehl oder Ungeschick konnte das Unheil aller werden.

Doch mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das Morgen hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den Ersatz der Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren: in Unsicherheit, Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen Schild, zwischen lauter wankendem, versagendem Grund ein einziges Festes: Geld. Den Juden mit Geld hielten die Wächter nicht an den Toren des Ghettos, der Jude mit Geld stank nicht mehr, keine Behörde mehr setzte ihm einen lächerlichen, spitzen Hut auf. Die Fürsten und großen Herren brauchten ihn, sie konnten nicht Krieg und Regiment führen ohne ihn. Die Gräveniz und die schwäbischen Herzöge ließen Isaak Landauer und Josef Süß groß und stattlich werden; es wuchsen in der Sonne des brandenburgischen Kurfürsten die Lipmann Gomperz und Salomon Elias, am Hofe des Kaisers die Oppenheimer.

Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die einzelnen Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen Seestädte, die die Handelsstraßen Europas und der Neuen Welt beherrschten und in ihren Kontoren über Krieg und Frieden entschieden, und die verschmutzten, verkommenen, niedrigen, lächerlichen Juden der deutschen Ghettos, die jüdischen Leibärzte und Minister des Kalifen, des Perserschahs, des Sultans von Marokko in Herrlichkeit und großem Glanz, und in Dreck und Verachtung der lausige Pöbel der polnischen Judenstädte, die Bankiers des Kaisers und der Fürsten, umworben und umhaßt in ihren Kabinetten, und der Hausierjude der Landstraße, mit Hunden gehetzt, von den Straßenjungen und der Polizei in widerwärtige, komische Erniedrigung gepreßt, alle hatten sie ein sicheres, heimliches Wissen gemein. Vielen war es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige können, manche hätten sich gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. Aber im Blut stak es allen, im innersten Gefühl, es war da: das tiefe, heimliche, sichere Bewußtsein von der Sinnlosigkeit, der Wandelbarkeit, dem Unwert der Macht. Sie waren solange klein und gering gesessen unter den Völkern der Erde, zwerghaft, lächerlich in Atome verspellt. Sie wußten, Macht üben und Macht erleiden ist nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten nicht einer um den anderen die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die Gewaltlosen, hatten der Welt ihr Gesicht gegeben.

Und es wußten diese Lehre von der Eitelkeit und Belanglosigkeit der Macht die Großen und die Kleinen unter den Juden, die Freien und die Beladenen, die Fernen und die Nahen. Nicht mit deutlichen Worten, nicht mit meßbarem Begriff, aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche Wissen war es, das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde, überlegene Lächeln um die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es als zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter davor versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte und ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen war der Sinn des Buches.

Des Buches, ja, ihres Buches. Sie hatten keinen Staat, der sie zusammenhielt, kein Land, keine Erde, keinen König, keine gemeinsame Lebensform. Wenn sie dennoch Eins waren, mehr Eins als alle anderen Völker der Welt, so war es das Buch, das sie zusammenschweißte. Braune, weiße, schwarze, gelbe Juden, große und kleine, prunkende und zerlumpte, gottlose und fromme, sie mochten in stillen Stuben ihr Leben verhocken und verträumen oder in farbigem, goldenem Wirbel herrlich herfahren über die Erde: tief versenkt in ihnen allen war die Lehre des Buches. Vielfältig ist die Welt, aber sie ist eitel und Haschen nach Wind; Eins aber und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, das Ueberwirkliche, Jahve. Manchmal wohl überwucherte ihnen das Leben dieses Wort, aber es stak in jedem, und in den Stunden, wo sie sie selber wurden, wenn sich ihr Leben gipfelte, war es da, und wenn sie starben, war es da, und was von einem zum andern flutete, war dieses Wort. Sie schnürten es sich mit Gebetriemen um Herz und Hirn, sie hefteten es an ihre Türen, sie eröffneten mit ihm ihren Tag und sie schlossen ihn mit ihm; als erstes den Säugling lehrten sie das Wort, und der Sterbende verröchelte mit dem Wort. Aus dem Wort sogen sie die Kraft, die gehäuften Qualen ihres Wegs zu überdauern. Blaß und heimlich lächelten sie über die Macht Edoms, über seine Raserei und den Wahnsinn seines Geweses und Getriebes. Dies alles verging; was blieb, war das Wort.

Sie hatten das Buch mit sich geschleppt durch zwei Jahrtausende. Es war ihr Volk, Staat, Heimat, Erbteil und Besitz. Sie hatten es allen Völkern vermittelt, und alle Völker bekannten sich zu ihm. Aber die einzigen rechtmäßigen Besitzer, Erkenner und Verweser waren sie allein.

Sechshundertsiebenundvierzigtausenddreihundertundneunzehn Buchstaben hatte das Buch. Jeder Buchstab war gezählt und gewogen, geprüft und erkannt. Jeder Buchstab war bezahlt mit Leben, tausende hatten sich martern und töten lassen um jeden Buchstaben. Nun war das Buch ganz ihr eigen. Und in ihren Bethäusern, an ihrem höchsten Feiertag, riefen sie, bekannten sie, die Stolzen, herrenhaft Schreitenden so überzeugt wie die Kleinen, Getretenen, Geduckten: Nichts haben wir, nur das Buch.

Karl Alexander schickte Magdalen Sibylle prächtige Geschenke, flandrische und venezianische Gobelins, goldene Parfümfläschchen, spanische Arbeit, mit persischem Rosenöl, ein arabisches Reitpferd, ein Perlengehänge. Er war kein Filz, er ließ sich nicht lumpen, und er betrachtete Magdalen Sibylle als seine erklärte Mätresse. Täglich kam der Kammerdiener Neuffer, fragte förmlich im Auftrag des Herzogs nach dem Befinden der Demoiselle.

Magdalen Sibylle ließ sich alles kalt und wortlos gefallen. Sie ging stumm wie eine Tote, starr das männlich kühne, schöne Gesicht, verpreßt die Lippen, die Arme seltsam steif. Sie verließ das Haus nicht, sie sagte guten Morgen, guten Abend, sonst nichts, sie aß allein, sie kümmerte sich nicht um das Hauswesen. Sie hatte zu niemandem, zu ihrem Vater nicht, zu niemandem über die Sache mit dem Herzog gesprochen, es kam vor, daß sie ihren Vater tagelang nicht sah.