Weißensee wagte keinen Versuch, sie aus ihrer Starre zu wecken. Er war nobilitiert worden, er hatte jetzt den Rang eines Konferenzministers. Er war flatterig und sehr elend, er fühlte das Mißtrauen seiner Kollegen vom engeren landschaftlichen Ausschuß, er wollte sich aussprechen mit Harpprecht, dem Juristen, mit Bilfinger, der ein rechter, ehrlicher Mann war und sein Freund. Er wagte es nicht.

Magdalen Sibylle saß stundenlang und starrte. Sie war aus sich herausgeworfen, zertrampelt, zerfetzt, zerwüstet. Waren dies ihre Arme? Wenn sie sich stach, war das ihr Blut? Das Furchtbarste war: sie hatte keinen Haß gegen den Herzog. Sie suchte sich müd und nervös den Vorgang zurückzurufen. Sie roch in der Erinnerung den Weindunst und Schweiß Karl Alexanders, sie sah etwas Rotes, Widriges auf sie zukommen, das waren seine Hände und sein Gesicht. Zuweilen wohl stieg, wenn sie daran dachte, ein laues, übles Gefühl des Ekels in ihr auf. Was später kam, wußte sie nicht mehr recht. Sie wußte nur, daß sie den Herzog durchaus nicht haßte. Er war wie ein großes Tier, ein Pferd oder ein Stier, warm und mächtig groß und in sich eingesperrt. Manchmal spürte man in den Augen eines solchen Tiers, wie fremd und unerreichlich anders es war, manchmal fühlte man sich ihm nah. Aber man haßte es nicht und niemals.

Dies war das Grauenvolle und was ihre Welt und sie selber in einen dummen und lächerlichen Trümmerhaufen niederbrach: daß der andere ein Tier war, das man unmöglich hassen konnte. So war sie selber wohl solch Tier, sanfter vielleicht, nicht so rot und fauchend und dunstend, aber doch ein Tier. Und das, was sie geträumt hatte, von Gott und Schweben und Aufgehen in ihm und Seligkeit, das war alles dummes, kindisches, albernes Gespinst und Gefasel und Narretei. Ein Tier war man und keine Blume.

Sie ging zur Beata Sturmin. Sie hörte die frommen, gefriedeten, sicheren Reden des alternden, heiligen, blinden Mädchens, und sie hatte Mühe, nicht dreist und trocken herauszulachen. Was wußte denn die! Die war eben blind. Das war ja ahnungslos und Heu und Stroh, was die daherpredigte! Du hast vor dich hingelebt, heilig und keusch und selig beflissen, und war kein schmutziger Gedanke an dir. Und nun kommt ein Tier, rot, weindunstend, schnaufend, und zertrampelt dich und wühlt seinen Schmutz und Glitsch in dich: und du kannst es nicht hassen. Erklär das doch! Deut das doch aus!

Der Herzog ließ Weißensee und seine Tochter zu sich bitten. Weißensee sprach, zaghaft, Magdalen Sibyllen davon. Sie antwortete nicht, kam nicht. Der Herzog bat ein zweites Mal. Magdalen Sibylle hörte nicht. Der Herzog ließ dem Konsistorialpräsidenten durch den Neuffer seine Ungeduld und seinen Unwillen vermelden. Weißensee wagte es nicht, ihr darüber zu sprechen. Er steckte sich hinter die Beata Sturmin, machte dem heiligen Mädchen Andeutungen, die sie in ihrer Naivität nicht verstand. Immerhin bat sie die Magdalen Sibylle zu sich, sprach zu ihr, sagte, der Herzog habe nach dem, was ihr Vater erzähle, offenbar Wohlgefallen an ihr gefunden, und sie solle doch zu ihm gehen und ihm in seine Verstocktheit hineinreden. Vielleicht habe sie Gott auserwählt, wie Esther dem Ahasverus. Magdalen Sibylle lachte haltlos, höhnisch. Die Blinde richtete sanft und ohne Verständnis die erloschenen Augen auf sie.

Dennoch ging sie. Sie ging zu dem Tier in einer Art toter Neugier. Es war alles so fratzenhaft und lächerlich. Da hasteten alle herum und hatten sich wichtig und machten sich Gründe vor, aus denen sie so heftig und wichtig herumzappelten. Und in Wahrheit war alles ganz ohne Verstand, hatte nicht mehr Sinn als das Gekrabbel von Maikäfern, die ein Bub in eine Schachtel gesperrt hat.

Sie saß bei Karl Alexander. Sagte: Guten Tag, Durchlaucht, führte die Schokolade zum Mund. Er sprach zu ihr, nett, fröhlich, wohlwollend wie zu einem kleinen Kind. Sie erwiderte Belangloses, Mechanisches. Was sie tat, sagte, war wie angeschminkt, nicht zu ihr gehörig. Er bemühte sich weiter um sie. Sie dachte, er ist doch eher ein schweres Pferd als ein Stier, wartete darauf, mit einer stillen, angewiderten Neugier, ob er sie nehmen werde. Im Verlauf, wie gar nichts mit ihr anzufangen war, wurde er zornig. Gewiß, eine Jungfer hatte sich zu zieren und hernach beleidigt zu tun, das war in aller Welt so. Aber schließlich war es doch etwas, seine, des Herzogs von Württemberg, Herzdame zu sein. So kostbar wie die hatte keine getan, so ein kaltes, frostiges Gewese war ihm noch nie passiert. Er wurde heftig. Sie sah ihn an, nicht mit Vorwurf, auch nicht mit Hoheit; aber es war ein so abgründiger, ätzender Hohn darin, er fühlte sich unbehaglich, kam sich vor wie ein heruntergeputzter kleiner Fahnenjunker. Wurde wieder freundlich, zärtlich. Sie schwieg. Schließlich nahm er sie. Sie ließ es kalt geschehen, ohne sich zu wehren, und er blieb ohne Genuß. Als er sie die Treppe heruntergeleitete an den Wagen, starb den Lakaien das Grinsen auf den Gesichtern, so wie eine Tote oder eine Wahnsinnige ging sie.

Sie ließ es auch weiterhin, ohne sich zu wehren, geschehen, daß er sie hielt wie seine erklärte Mätresse. Sie kam, wenn er es befahl. Zeigte sich öffentlich mit ihm. Das Volk freute sich, daß sein Fürst so eine anständige, schöne und saubere Mätresse hatte, die noch dazu im Geruch der Heiligkeit stand und eine Einheimische war. Daß Karl Alexander zu seiner schönen Herzogin so eine schöne und anständige und schwäbische Mätresse hatte, versöhnte das Volk zwar nicht mit seinem Juden, aber es machte manches wieder gut, was seiner Popularität abträglich war. Die Bürger zogen die Mützen vor Magdalen Sibylle, und viele schrien Hoch.

Auch dem Weißensee kam diese Stimmung sehr zustatten. Sein Ansehen stieg, sogar im Parlament. Und wenn man unter den Elf des engeren Ausschusses auch polterte, so wären doch bis auf zwei, drei alle gern an seiner Stelle gewesen und beneideten ihn herzlich um sein Glück. Neuffer gar sah zu ihm als dem gewissermaßen stellvertretenden Schwiegervater des Herzogs mit düsterer Ehrerbietung auf.

Langsam kehrte Magdalen Sibylle, nach Wochen, das Gefühl zurück. Wie wohl ein Erfrorener, wieder zum Leben gebracht, schmerzhaft fühlt, wie sein Blut neu zu kreisen anfängt, so spürte sie schmerzhaft Wallungen aufsteigen, fluten, immer wilder alle Poren anfüllen, Haß und Begier. Immer noch blieb Karl Alexander das gleichgültige, mit leichtem Widerwillen fremd angestaunte Tier, das sie litt: aber ihr Denken und ihre Triebe alle zielten auf einen andern, kreisten um den andern. Der Herzog, bah! was wußte der! was verstand der! Er war ein Unglück für sie. Man haßte ihn so wenig wie die Apfelschale auf der Straße, über die man ausgeglitten war. Aber der andere, der wußte, der war verantwortlich, der wußte besser als jeder andere, sah klarer, wog, zählte genau, war hassenswert, war in Wahrheit der Teufel und alles Böse. Es war ein rechtes Gefühl und große, gnadenhafte Warnung gewesen, die sie damals im Wald von Hirsau so grauenhaft bei seinem Anblick aufgeschüttert hatte. Er wußte sehr gut, der freche, glatte, gescheite, ruchlose, eiskalte Teufel, der er war, wußte so gut wie sie, daß sie um ein ehrliches, warmes Wort erlöst zu ihm hingeglitten wäre, daß alle ihre kindischen, geheimnisfrohen, nebelhaften Gott- und Teufel-Träume sich in ein heißes, menschliches Gefühl gelöst hätten, wenn er nur die Kraft gehabt hätte, zu seinem Gefühl zu stehen, seine wahrhafte Neigung nicht preiszugeben für ein Lächeln und einen Brocken Geld oder Titel von dem Herzog. Denn er liebte sie. So schaute einer nicht, so sprach und neigte sich einer nicht, wenn sein Gefühl nicht echt war. Wenn einer aus einem Trieb heraus Soldaten preßte, seine Untertanen verelendete, Frauen vergewaltigte, das war das Tierhafte, da war keine Verantwortung. Aber jener andere, der sein Gefühl verschacherte, pfui! pfui! das war das wahrhaft Jüdische und Teuflische.