Sie wußte nicht, wie versprenkelt und wie eingesprenkelt in tausend anderes das Gefühl war, mit dem Süß an sie dachte. Vielleicht hatte er wirklich für den Bruchteil eines Augenblicks ehrlich und ganz und nur sie gespürt; doch er war viel zu zerspellt und in tausend Interessen zerteilt, war viel zu sehr Mann des Augenblicks, um solch Gefühl, selbst wenn er es gewollt hätte, halten zu können. Und die Grundmelodie seines Seins, seine Bindung mit dem Herzog, für eine Frau aufs Spiel zu setzen, auch nur der Gedanke daran wäre ihm absurd vorgekommen.
Einmal sah sie ihn. Das Herz stieg ihr hoch: was wird er tun? Wenn er es wagen sollte, sie anzusprechen! Aber er sprach nicht. Sondern grüßte nur tief und mit stillem, ernstem, ehrerbietigem Blick. Und sie haßte ihn doppelt.
Die Herzogin hatte sich vom ersten Abend an für Magdalen Sibylle interessiert. Das große Mädchen mit dem männlich kühnen Gesicht gefiel ihr, sie suchte an sie heranzukommen. Sie merkte gut, daß jener der Herzog sehr gleichgültig war, daß er sie nicht verstand, sie ihn nur kalt und leidend gewähren ließ. Das begriff nun sie wieder nicht, so betastete sie doppelt neugierig das Mädchen mit dem sonderbaren Widerspiel der blauen Augen und des dunklen Haars. Magdalen Sibylle spürte das Wohlwollen, das von Marie Auguste zu ihr herüberströmte, und ließ es sich lässig gefallen. Die Herzogin, wie getrieben, schmiegte und schmeichelte sich immer enger an sie heran, sie gab sich wie eine jüngere Schwester, legte den Arm vertraulich um die Taille der andern, zeigte, sie, die sonst an allen Frauen gern ihre selbstsichere, spitze Zunge übte, allen offen ihre Freundschaft für die schöne Herzdame ihres Mannes.
Sie machte sich klein, stellte hübsche Posen, machte Mündchen. Ach, sie war so kindisch und dumm! Magdalen Sibylle mußte ihr soviel erklären. Sie war ja so gescheit, sie hatte sich mit so abgründigen Dingen beschäftigt wie Gott und dem Tausendjährigen Reich und der philadelphischen Sozietät. Es wäre nett, eine so gescheite Freundin zu haben. Sie, Marie Auguste, ging fromm zur Kirche und beichtete. Aber sie wußte von Gott eigentlich nur, was im Katechismus steht, und verstand sich so recht nur auf gesellschaftliche und modische Fragen. Die Aermel müßte Magdalen Sibylle übrigens kürzer tragen und bauschiger, das hebe die braunen, schönen Arme. Auch mit der Frisur sei sie nicht ganz einverstanden.
Sie legte die kleine, fleischige Hand auf die große, warme Magdalen Sibyllens, lächelte ein spitzbübisches, amüsiertes Lächeln: „Haben Sie übrigens bemerkt, Liebe, gestern, als dem Lord Suffolk das Jabot verrutschte, daß er ganz verzottelt auf der Brust ist? Er hat soviel Haare wie der Herzog.“
Marie Auguste war um jene Zeit schöner als je. Wie schwarze Seide glänzte das Haar, matt leuchtete, ein kostbares Pastell, das Gesicht mit den länglichen Augen unter der sehr heiteren Stirn. Der Gang war harmonisches, zufriedenes Schweben. Ihr Tag war erfüllt und befriedet, ihr einziger Wunsch, immer so weiter zu leben. Es stand an ihrer Straße Remchingen, der so zornig und männlich war und den man so amüsant und mit leiser Furcht ärgern konnte; einmal hatte er ganz im Ernst nach ihr geschlagen. Und es stand an ihrer Straße der junge Lord Suffolk, der wortkarg war, und der, trotzdem seine Obliegenheiten in seiner Heimat nach ihm schrien, sein Leben damit vertat, sie ernsthaft und unentwegt anzustarren. Vielleicht wird sie ihn eines Tages erhören. Warum soll man einem jungen Menschen nicht gnädig sein, der so seriöse Beweise seiner Neigung gibt? Vielleicht auch wird sie ihn schlecht behandeln, daß er, und das ist doch vielleicht das Interessantere, sich erschießt. Und es stand an ihrer Straße der Herr von Riolles, der entzückend häßlich war und mit seiner leisen, hohen Stimme die boshaftesten Witze machte, vor allem über plumpe Frauen. Und es stand ganz in der Ferne ihr Jud, auf den sie sehr stolz war, und der ihr mit der größten Ehrerbietung die insolentesten Komplimente zu sagen wußte.
Und sie trieb die Männer an. Und sie jagte und sie hielt Feste und sie sah Komödie und sie spielte selber Komödie und sie fuhr spazieren und sie reiste ins Bad und nach Regensburg und Wien. Und sie war sehr glücklich.
Magdalen Sibylle aber schaute ihr zu wie einer kleinen, spielenden Katze. Ach, wer so hinhüpfen könnte über die Dinge, und nichts rührt viel tiefer als an die Haut, und man ist leicht und schwerlos und lächelt.
Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete Farbe und Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden des Herzogtums. Es war wie eine geheime Verabredung. An den Rändern der Städte, überall im Land, hatten die Bauern in ihre Aecker, Wiesen, Gärten mit Kornblumensamen, mit Mohn- und Kleesamen, aber auch mit dem Samen edlerer Blumen Schriftzeichen gesät. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus dem schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügen Buchstaben und mit zierlich gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit Kornblumen, gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und sehr künstlich: „Süß Saujud.“ Oder auch: „Josef Süß Saujud und Verderber.“
Da und dort griffen die Behörden ein, aber gegen die Gewohnheit läßlich und ohne Strenge. Man schmunzelte, der Herzog lachte, Marie Auguste fuhr eigens vor die Stadt, ein derartiges besonders kunstvolles Arrangement amüsiert zu besichtigen. Sie erzählte dann ausführlich Magdalen Sibyllen davon, die unter einem Vorwand nicht mitgekommen war.