Die Zofe gegangen, verdüsterte sich noch schwerer das steinern mürrische Gesicht, zackten sich noch schärfer die drei senkrechten Falten über der Nase. Das Fragen verhindern. Das Kind durfte nicht fragen. Schütz ihn, Himmel und alle wohlwollenden Engel, daß das Kind nicht frage. Ihr lügen konnte er nicht. Ihr das Bild des Vaters zerhauen, das leuchtende, er hätte es auf sich genommen, aber damit wäre ihm ein letztes entglitten. Lieber hätte er seine Blumenterrassen in Jauchgruben verwandelt als das.

Und die Seraphim und Ophanim schützten den traurigen, mürrischen Mann. Naemi fragte nicht. Wohl, er sah es, öffnete sie einmal die Lippen schon, wölkte sich schon ihr Aug. Doch sie schwieg.

Wäre Frage nicht Zweifel gewesen? Nein, ihr Vater war herrlich und in großem Glanz, und die Verleumdung der Heiden und Philister schmutzte ihm nicht die Sohle. Die blockigen Buchstaben der hebräischen Schriften schichteten sich zu Quadern seines Ruhmes. Er war Simson, der die Philister schlug, er war Salomo, der weise war über alle Menschen, er war, und dies glitt immer öfter in ihre Träume, er war Josef, der milde, kluge, den Pharao setzte über alles Volk und der das Volk zinste für die künftige Hungersnot. Aber sie waren töricht und sahen seine Weisheit nicht ein. Oh, wenn er käme, endlich! An seinem Hals verströmen! Vor seinen feuervollen Augen verbrennt, verweht in Asche das Geschwätz des dicken jungen Menschen.

Rabbi Gabriel aber las in der Schrift des Meisters Isaak Luria Aschkinasi, des Kabbalisten: „Es kann geschehen, daß in einem Menschenleib nicht nur Eine Seele das Erdendasein von neuem durchmacht, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Körper zu neuer Wanderung verbinden. Der Zweck solcher Vereinigung ist ihre gegenseitige Unterstützung in der Sühnung der Schuld, derentwegen sie die neue Wanderung erleiden.“

Die Wange in die Hand gestützt, saß er, sann er, zwang er die Bilder zurück, die er auf seinen Wanderungen durchforscht. Sah die Linien der maßlosen Berglandschaft, des Steins, der Oednis, des zerschrundeten Eises. Das zarte, höhnische Leuchten der klaren Gipfel darüber, die schattende Wolke, den Vogelflug, die finster tolle Willkür der übers Eis verstreuten Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen, weidenden Viehs. Er suchte die Entsprechung in jenem Antlitz, daran er gebunden war.

Das Zimmer um ihn vernebelte, die Bücher vor ihm, so senkte er sich in jenes Gesicht, prüfte Zug um Zug. Er sah die wölbigen Augen, die kleinen, üppigen Lippen, das reiche, kastanienfarbene Haar. Er fand Haut und Fleisch und Haar, nichts sonst.

Da schüttelte er die Schultern, saß schlaff, müd, dicklich, atmete schwer, knurrend, wie ein Tier, das zu hoch beladen den Hang nicht weiter hinauf kann.

Bei Heilbronn lieblich zwischen Weinbergen lag das Schloß Stettenfels. Der Graf Johann Albrecht Fugger saß darauf, Jesuitenzögling, eifervoller Katholik, befreundet mit dem Würzburger Fürstbischof. Sein Schloß war der schwäbischen Reichsritterschaft inkorporiert, er besaß es ebenso wie seine Herrschaft Gruppenbach, das Dorf unterm Schloß, als württembergisches Lehen. Schon unter Eberhard Ludwig hatte der regsame Herr mehrmals um Gestattung katholischen Privatgottesdienstes nachgesucht, immer vergebens. Jetzt unter dem katholischen Herzog nahm er ohne Federlesen Kapuziner ins Schloß, begann auf seinem Berg weitläufig Kloster und Kirche zu bauen. Es unterstützte ihn der Fürstbischof von Würzburg, Kollekten liefen für ihn an den katholischen Höfen, er war auf vorgeschobenem Posten ein wackerer Kämpfer der Kirche, sehr in Sicht.

Offener Bruch der Gesetze, Sturm im Parlament, drohende Aufforderung an das Kabinett, dem frechen Unwesen zu steuern. Verärgert, mit gebundenen Händen der Herzog. Er hatte in jenen Religionsreversalien ausdrücklich auf alle Einmischung in solche Fragen verzichtet, hatte das Kirchenregiment dem Ministerium übertragen, auf seine bischöflichen Rechte über die Evangelischen, auf die persönliche Teilnahme an Konsistorialdingen in aller Form resigniert. Nirgends sollten, hatte er feierlich eingeräumt, katholische Kirchen errichtet werden, der katholische Gottesdienst sollte einzig beschränkt sein auf seine Privatandacht.

Der Fall lag klar. Harpprecht, der Jurist, hatte das Referat in der Kabinettssitzung, das Korreferat Bilfinger. Die beiden ehrlichen, geraden Männer waren im Innersten froh, daß diese Affäre der Kompetenz des Herzogs entzogen war. Mit tiefem Mißbehagen sahen sie das Land mehr und mehr verkommen, alle Aemter verlottert und korrupt. Wenn sie im Amt blieben, war es, weil sie nicht auch in ihre Stellen Kreaturen des Süß einrücken sehen wollten. Hier endlich war ein Fall, wo kein Herzog und kein Jud einreden durfte; hier konnte man den evangelischen Brüdern erweisen, daß das Land, so verkommen es von außen sah, sich in Gewissensdingen, in Religionssachen fest und bieder und ohne leisesten Flecken hielt. Gegen die zögernden und bedenklichen Schütz und Scheffer setzten Harpprecht und Bilfinger einen Beschluß durch, daß eine Untersuchungskommission, eine Lehensvisitation nach Gruppenbach zu dem Grafen entsandt wurde, an ihrer Spitze der Regierungsrat Johann Jaakob Moser, der Publizist, erst neuerdings wieder durch Wort und Tat und Schrift als unbeugsamer Protestant erwiesen. Er bekam weite Vollmacht.