Er fand den Grafen höhnisch, trotzig, durchaus nicht zur leisesten Unterordnung geneigt. Er ließ die Regierungskommission vor dem Schlosse stehen, in Wind und Wetter, schlecht und hochmütig grüßend. Als die Herren auf den Neubau von Kloster und Kirche wiesen, wo schon hoch am Turm gearbeitet wurde, fragten, wie er gegen das ausdrückliche gesetzliche Verbot und gegen ministerielle Verwarnung auf herzoglichem Boden katholische Baulichkeiten errichten könne, musterte der kleine, bewegliche, hagere Herr grimmig, stramm, hochmütig die Kommission, warf dann nachlässig, provokatorisch hin, das seien seine neuen Wirtschaftsgebäude. Näheren Zutritt verwehrte er. Kapuziner, paarweise, erschienen. Der kleine Graf, immer mit dem gleichen Hohn, erklärte, das sei seine neue Livree, er wünsche, die Mode möge recht bald überall im Land im Schwang sein. Unverrichteter Dinge zog die Kommission nach Heilbronn ab. Erzwang schließlich die Besichtigung der Baulichkeiten. Schickte dem Grafen durch Gerichtsdiener ein grobes Schreiben mit gemessenem Befehl, Kloster und Kirche niederzureißen, binnen drei Tagen damit zu beginnen. Der Graf schmiß den Mann eigenhändig die Rampe hinab, hetzte ihn mit Hunden den Berg hinunter. Da erschien Moser, der stattliche, wichtige, komödiantische Mann, mit einem Detachement Soldaten, ließ Kirche und Kloster schleifen, zog erst ab, als der Graf, heiser vom Schimpfen, diese Arbeit, sowie die militärische Exekution auf Heller und Groschen bezahlt hatte. Im Grundstein des Klosters fand man eine Schrift, nach der dieses Kloster Stettenfels der Verbreitung des alleinseligmachenden katholischen Glaubens und der Bekehrung des ketzerischen württembergischen Landes geweiht sein sollte.

Jubel im Land, im Parlament. Es polterte im engeren Ausschuß der massige, grobe Bürgermeister Johann Friedrich von Brackenheim: „Man ist noch wer. Wenn man recht will, zwingt man die ketzerischen Hunde noch immer, ihren eigenen Kot zu fressen.“ Der finstere Neuffer sinnierte: „Viele Hemmungen sind auf den Wegen der Fürsten. Sie sind nur Reizungen; überwunden, würzen sie doppelt den Geschmack der Macht.“ Unterm Volk lautes Frohlocken. Im Blauen Bock ließ sich der Konditor Benz noch einen Schoppen Wein geben, feixte: „Es gibt noch Dinge, wo weder keine Hur noch kein Jud einreden darf.“ Herzinnige Freude der Harpprecht und Bilfinger. Stiller, demütiger Dank an den Herrn in den Bibelkollegien der Pietisten. Die Beata Sturmin, die blinde Heilige, hatte es voraus gewußt. Sie hatte gedäumelt, sie hatte die Stelle aufgeschlagen: „Verflucht sei der Mann, der ein gehauenes oder gegossenes Bild macht, den Greuel des Ewigen, ein Werk von Künstlers Hand, und aufstellt im geheimen.“ Im Bibelkollegium von Hirsau aber sang der fromme Chor gleich dreimal hintereinander das Lied des Magisters Jaakob Polykarp Schober: Jesus, der beste Rechenmeister.

Aber auch weit hinaus über die schwäbischen Grenzen, im ganzen deutschen Reich erregte dieser Stettenfelsische Handel das größte Aufsehen. Der Würzburger Fürstbischof beschwerte sich offiziell beim Herzog durch seine Räte Fichtel und Raab. Der Herzog, im Glauben, man habe ihn bei seinen eigenen Religionsverwandten mit Absicht verdächtigt und verächtlich machen wollen, war schwer erzürnt. Dennoch stieß ihn der sehr kluge Würzburger Bischof nicht weiter. Er wußte, Karl Alexander war durch anderes sehr beansprucht, er sparte sich eine energische Aktion für später.

Karl Alexander hatte wirklich alle Hände voll mit lauter kleinen, mißlichen Angelegenheiten. Süß dachte nun ernstlich daran, sich nobilitieren zu lassen. Seine Stellung war gefestigt genug, er begehrte zum Besitz der Macht jetzt auch ihre Titel und Würden, er trug sich mit dem Plan, das Amt des Landhofmeisters in aller Form zu übernehmen. Hätte er sich taufen lassen, so wäre das von heute auf morgen möglich gewesen. Aber es war sein Ehrgeiz, diese höchste Stelle im Herzogtum trotz seines Judentums vor Kaiser und Reich innezuhaben. Der Herzog hatte auch, nachdem Süß bei seiner Redoute ihm Magdalen Sibylle zugeführt hatte, durch seinen Wiener Gesandten, den Geheimrat Keller, das Gesuch seines Hoffaktors unterstützt, ein Adelsdiplom für ihn verlangt und tausend Dukaten dafür geboten. Aber nicht nur das württembergische Parlament, auch die Ministerkollegen des Süß intrigierten am Wiener Hof, so geriet die Angelegenheit ins Stocken. Süß, um den Herzog zu spornen und sich unentbehrlich zu zeigen, stoppte seinen Eifer für Karl Alexander, erbat unter dem Vorwand dringlicher persönlicher Geschäfte einen Urlaub ins Ausland. Sofort klappte die Rekrutierung nicht mehr, die Geldmittel fürs Heer kamen nicht mehr herein, die Weiber wurden schwieriger, tausend kleine Mißhelligkeiten, die die Gewandtheit seines Finanzdirektors bisher ihm ferngehalten, zeigten dem Herzog jetzt ihr widerwärtiges Gesicht. Unzuträglichkeiten bei der Deckung seines ungeheuren persönlichen Geldbedarfs, von Süß künstlich gesteigert, bei den Militärlieferungen. Dazu reizte Karl Alexander die immer gleiche Festigkeit Magdalen Sibyllens, auch die beiden Damen Götz, Mutter wie Tochter, von Süß aus der Ferne klug und unmerklich so geleitet, leisteten unerwarteten Widerstand. Remchingen war langweilig, mit Bilfinger wollte er nicht zusammensein, weil er sich über seine Haltung in dem Stettenfelser Handel ärgerte, der Franzose Riolles war ihm zu affig, zu gescheit und zu spitz. Er seufzte nach seinem Juden. Wäre der dagewesen, wäre bestimmt auch der Stettenfelser Handel anders gegangen; es war eine Schande, daß seine Minister die christlichsten Affären nicht ohne den Juden glatt erledigen konnten.

Mit offenen Armen wurde der Rückkehrende empfangen. Er war in Holland gewesen, in England. Hatte sich in Frankfurt feiern lassen, hatte in Darmstadt den Bruder, den Baron, den Getauften, verhöhnt; er wird ohne so verächtliche Mittel das gleiche erreichen. Zudem hatte er in den Niederlanden eine portugiesische Dame kennengelernt, eine Madame de Castro, rotblond, stattlich, noch jung, fein, adlig, hochmütig von Ansehen und Haltung, Witwe des portugiesischen Residenten in den Generalstaaten, sehr vermöglich. Er wollte sie heiraten. Sie schlug es nicht ab; Voraussetzung blieb nur seine Nobilitierung. Auf alle Fälle wird sie ihn, und das schon in nächster Zeit, in Stuttgart besuchen. Marie Auguste lachte stürmisch, wie sie von dem Projekt hörte. Dem Herzog war die geplante Mariage seines Hofjuden nicht angenehm, er polterte, er erlaube ihm ja, sich Mätressen zu halten. „Du Jud schleckst mir sowieso in alle Teller,“ brummte er. Aber Süß ließ bei aller lächelnden Ehrerbietung nicht von seinem Plan und erwirkte von dem widerstrebenden Herzog ein neues Schreiben nach Wien wegen der Nobilitierung. Karl Alexander schrieb eigenhändig und dringlich. Er betonte, wie er mit seinem Hofjuden allein weit mehreres als mit all seinen anderen Räten und Bediensteten ausrichten könne, wie er seines Genies und seiner vorzüglichen Geschicklichkeit halber zu allen nützlichen Vorkommenheiten zu brauchen sei; und wie er, der Herzog, ihm als einzige seiner fürstlichen Dignité angemessene Reconnaissance das Adelsdiplom geradezu schuldig sei. Nach solchem Schreiben glaubte Süß alles auf bestem Wege.

Er ritt durch die Straßen auf seiner Schimmelstute Assjadah. Er sah zehn Jahre jünger aus als er war, er war weitum in Schwaben der erste Kavalier. Schmeidig und rank, nicht groß saß er zu Pferde, die sehr roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht, die kastanienfarbenen Haare drängten gefallsam unter dem breiten Hut vor, mit edlen Steinen besetzt blitzte die Peitsche, unter der heiteren Stirn wölbten sich die fliegenden Augen. Die Köpfe der Frauen wurden herumgerissen: Er ist wieder da! Die Damen Götz lagen im Fenster, himmelten, während er voll Ehrfurcht hinaufgrüßte: Er ist wieder da! Er ist wieder da! knurrte das Volk, aber er gefiel ihm. Und Dom Bartelemi Pancorbo sah an der Hand, die seinen Gruß erwiderte, den riesigen, strahlenden Solitär. Er ist wieder da! lächelte er mit den entfleischten Lippen, und über der zeremoniösen Halskrause der altertümlichen portugiesischen Hoftracht schickte er begehrlich und lauersam die starren, schmalen, wandernden Augen dem entschwindenden Reiter nach.

Die Stute Assjadah aber reckte den Kopf hoch auf, und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden Bürgern, den höhnisch neidvollen Kavalieren, den gekitzelten Weibern zu: Er ist wieder da!

Der Aufenthalt des herzoglichen Paares in Ludwigsburg wurde mit einer Festvorstellung beschlossen. Die Herzogin spielte mit, der junge Götz, der mittlerweile Expeditionsrat geworden war, der Geheime Finanzienrat Süß. Alles Schwierige und weniger Dankbare hatten die Sänger und Schauspieler der herzoglichen Truppe übernommen.

Théâtre paré. Allongeperücke der Herren, nackte Schultern der Damen Vorschrift. Schon von der vierten Reihe an konnte durch den Wald der mächtig getürmten Perücken nur spärlich über die Lichtung einer nackten Damenschulter ein Stückchen Bühne erspäht werden.

Auf der Bühne die Herzogin. Wie ist sie schön in der spanischen Tracht, der goldene Pfeil hebt den schwarzen Glanz der Haare über dem Profil, das in der Farbe alten edlen Marmors leuchtet. Remchingen, wie er sie sieht, stößt einen merkwürdig knurrenden Laut aus wie ein Tier, der Herzog kann sich nur mühsam beherrschen, nicht zu schnalzen, der junge Lord Suffolk wird ganz blaß bei ihrem Anblick.