Remchingen und Karl Alexander saßen zusammen und fluchten auf die Weiber. Mit grimmigen Späßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie doch auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische Kunst.
Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der Expeditionsrat Götz. Er war der einzige, der die Zusammenhänge überschaute. Er hatte die Krankheit überkommen von der Kellnerin im Blauen Bock. Er hatte sie an die Welsche weitervererbt, die er in großer Unschuld als seine liebe Herrin und Geliebte ästimierte. Bei anderer Lage der Dinge hätte er es für seine unbedingte Pflicht gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht sogar die Welsche zu ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft respektvoll lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs flüsterte, wie er langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der allerdemütigste und ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige und schmutzige Affäre angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er bei seiner Loyalität seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun konnte, daß es möglich war, schuldlos in solche Schuld verstrickt zu werden, warf ihn um. Er beschloß zunächst, sich zu erschießen. Später indes sagte er sich, daß eigentlich die Napolitanerin an allem schuld sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung mit seinem gottgewollten Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld ledig, wälzte sie auf die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu, wie sie ihre Fuhre Kot schleppte.
Nun liebte aber die Napolitanerin den unbehilflichen, semmelblonden Menschen wirklich. Sie verriet ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht dadurch hätte retten können. Während sie in Schimpf und großer Not durch die Straßen geführt wurde, dachte sie nur an ihn. Sie rührte die Lippen, das Volk glaubte, sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich ohne Sinn jene Verse vor sich hin, die sie in der Komödie gesungen hatte: „Mein Herr! Mein Glück! Mein Himmel! / Sieh mich im Elend hie! / Laß mich nicht dem Mauren / In Benamegi!“ Alte Märchen spukten in ihr von dem Prinzen, der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird er, jetzt gleich hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp und arger Traum. Erst als sie über die Grenze geschafft war, ohne daß er auch nur das leiseste Wort hatte hören lassen, brach sie zusammen.
Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In den Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und man erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras habe fressen müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft errang diese kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren Respekt. Der Tübinger Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er sagte, daß man zuweilen die Siege im Reiche Amors mit kleinen Wunden bezahlen müsse, die aber nicht minder ehrenvoll seien als die des Schlachtfeldes. Amor schieße manchmal mit vergifteten Pfeilen. Und da er der Napolitanerin nicht vergessen hatte, daß sie damals in der Komödie seine Alexandriner nicht hatte sprechen wollen, versäumte er nicht, sie mit allerlei Geziefer und Gewürm zu vergleichen und anzudeuten, er sei sich von einer solchen welschen Verächterin der deutschen Musen von jeher alles erwartend gewesen. Zum Schluß rief er aus, wer den Türken und Franzen überwand, werde auch diese kleine Molestierung überwinden und Schwabens Alexander bald wieder Schwabens Paris sein.
Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung. Noch immer stand an ihrem Wege der junge Lord Suffolk, mit seinem roten, primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte sich an seinem Hof und in seiner Herrschaft durch sein Fernbleiben unmöglich gemacht, er verehrte sie hartnäckig, stumm und verzweifelt, es war nur mehr eine Frage von Tagen, wann er ein Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte nicht zu ihr kommen konnte, war dies nicht ein Wink? Und sie erbarmte sich des armen, treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert.
Aber der junge Engländer war offenbar ein Pechvogel und zu jedem Unstern vorbestimmt. Karl Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur Eifersucht, er kam gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn, ihn! hintergehen könnte. Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung mißtrauisch geworden war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er drang unversehens in die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der junge Lord, schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der Herzog machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms, zerschliß mit seinem Degen kostbare Wäsche, nannte Marie Auguste mit pöbelhaften Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, kleine, eidechsenhafte Gesicht, das von der Farbe alten, edlen Marmors war. Die Herzogin erzählte weinend und empört Magdalen Sibyllen davon, sie beteuerte theatralisch ihre Unschuld, aber bald stahl sich in ihre Empörung ein kleines, amüsiertes Lächeln, sie machte spitzbübisch die lärmende Aufregung des Herzogs nach, divertierte sich an den merkwürdigen und gröblichen Schimpfworten, suchte sie ins Französische und ins Italienische zu übersetzen. Zuletzt meinte sie lächelnd, es sei seltsam; wenn etwa Riolles oder Remchingen zu ihr kämen, sie sei gewiß, die würden auch das vierundzwanzigstemal nicht erwischt werden; aber der arme, tapsige Junge natürlich gleich das erstemal, kaum zu Ende und nicht recht wissend, wie er es anstellen sollte.
Da es sich nicht schickte, daß der Souverän sich mit dem Lord schlage, sollte für alle Fälle, ob der Engländer nun schuldig oder nicht, Remchingen sich mit ihm duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin, eigentlich habe er ja auch allen Grund dazu. Indes zeigte er, als es ernster wurde, keine sonderliche Eile. Schließlich reiste der Engländer ab, durchaus nicht heimlich, sondern umständlich und gemächlich, aber zweifelnd an Gott, sein simples, klares Weltbild in Scherben, zerfallen mit sich und den Menschen. Der kurze Genuß hatte ihn tief verstört, er konnte sich an nichts mehr recht erinnern, das einzige, was in seinem Gedächtnis haftete, war ein etwas beschädigter Strumpfgürtel der Herzogin, um den es sich eigentlich nicht gelohnt hätte, Leben, Ruf, Stellung in der Heimat zu gefährden.
Karl Alexander hatte eine Menge Indizien, aber keinen unbedingt handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustens. Unter sonstigen Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte ihn der Mißmut über seine Behinderung durch die Krankheit zänkisch und verbissen. Marie Auguste, der ständigen Beargwöhnung und Aufsicht bald überdrüssig, spielte zunächst die Genoveva, trumpfte aber bald groß auf, setzte den Grobheiten des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie entgegen, drohte schließlich, sie werde zu ihrem Vater zurückkehren. Worauf Karl Alexander roh erwiderte, an diesem Tage werde er alle Glocken läuten lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und Braten spendieren.
Dem alten, feinen Fürsten Thurn und Taxis kam das Zerwürfnis höchst ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit einem englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit einem Engländer amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und sind hölzern von Figur, aber sie haben vor den Welschen Unverbrauchtheit, Gesundheit und vor allem Diskretion voraus. Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen Engländer aussuchen. Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu machen und soviel Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn, Liebden, war ein Feldherr und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch aufzutreten. Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem Fürstbischof von Würzburg, mit der Bitte, den kindischen Handel möglichst rasch einzurenken.
Dem klugen, schlauen, dicken Herrn kam diese Aufforderung sehr gelegen. Er hatte den Stettenfelser Handel nicht vergessen, die Niederlage der Kirche kratzte ihn sehr, er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er wartete nur auf einen Anlaß, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben und die Gewinnung des Landes für Rom persönlich auf glatteren, rascheren Weg zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern hielt sehr bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen, stattlichen Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen Einzug in Stuttgart.