Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog nach seinem Leiden, hörte mit Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, riet freundschaftlich, sich immerhin vorläufig noch mehr an den Kaffeetrank seines Rates Fichtel als an den Tokaier zu halten. Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße, fleischige Hand der puppig schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald so weit, daß sie sich ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger Wiederherstellung des Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen Erben schenken könnten.
Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen Geheimen Finanzienrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen lasse. Karl Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man möchte ihm seinen unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte schließlich dem Freunde den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer weigern. Süß erschien vor dem Fürstbischof, mit der geübten, grenzenlos demütigen Ergebung küßte er ihm den Ring, breitete geschickte Komplimente vor das große Weltorakel, den heimlichen Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die Würzburger Eminenz war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse berochen sich anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, harmlos, fröhlich, unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem schlauen, schlanken, und keiner kam dem andern näher.
In unermüdlicher Arbeit förderten der Fürstbischof und seine beiden Räte ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an Remchingen. Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit den verschiedenen Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im geheimen angeknirscht, in Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich eingenistet hatten. Als der Fürstbischof das Herzogtum vergnügt verließ, hatte er Stettenfels reichlich wettgemacht, für seine Pläne Großes erreicht, zu Größerem den Grund gelegt. Die Schloßkapelle in Ludwigsburg wurde jetzt für den katholischen Gottesdienst eingerichtet, die katholische Hofgeistlichkeit umfassend organisiert, Ordensleute offiziell ins Land gerufen. Katholische Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen vor. Es war ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und knifflige juristische Interpretation der Religionsreversalien, die die parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet war endlich die förmliche Gleichstellung der katholischen Religion mit der lutherischen. Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren in der Kurpfalz zur Unterdrückung des Protestantismus geführt.
In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel froh und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen Hof zu Rom, was alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs erreicht worden. Er kam dann auf den Anlaß der Reise zu sprechen, die Erkrankung des Herzogs, und schloß: „So siehst du, hochzuverehrender Herr und Bruder, daß sich die göttliche Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um die alleinseligmachende Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu verbreiten.“
Den Süß nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung gestaltete sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte. Der Kaiser war den Wiener Oppenheimers sehr große Beträge schuldig. Immanuel Oppenheimer drängte, der Kaiser konnte nicht zahlen. Kein Wunder, daß die Wiener Kanzlei Ausflüchte machte, ehe sie einen Oppenheimer baronisierte. Zudem hetzte der Agent des württembergischen Parlaments. Madame de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge, rechnerische Frau nicht dazu bringen, sich zu resolvieren.
Auch die Projekte des Würzburger Bischofs verdarben dem Süß die Laune. Er hatte sehr wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das Vertrauen der Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen Plan, der recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des nächsten Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Wohl ließ man ihn den einen oder andern Entwurf sehen, es fanden auch Zusammenkünfte bei ihm statt. Aber Remchingen lachte seine, des Süß Vorschläge, grob aus, und es lag zutage, daß die katholischen Herren sich des Weißensee als ersten Vertrauensmannes zu bedienen gedachten. Süß fühlte sich auch auf diesem Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er mengte sich nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so wichtig agierte, kamen ihm läppisch und erwachsener Männer unwürdig vor. Sein klarer, sachlicher Sinn erkannte scharf, daß dahinter höchst reale Dinge lagen, Beseitigung der Verfassung und des Parlaments, Militärautokratie des Herzogs; er verstand es nicht, warum man auch unter eingeweihten Politikern peinlich darauf hielt, sich auf so weitschweifige, skurrile und umwegige Andeutungen zu beschränken. Seine Mittel und Wege waren viel geradliniger, rascher und unmittelbarer, er konnte sich in die sehr weichen, langsamen, einschläfernden Methoden der Jesuiten nicht einfinden. Er sah staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es peinlich vermieden, die Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn sie nur zu zweien waren, sanft und fromm alle möglichen demütigen und moralischen Umschreibungen anwandten, und wenn er oder Remchingen scharf und sachlich einem Ding sein rechtes Wort gaben, milde und mißbilligende Blicke in die Runde schickten.
So fühlte sich also der Jude leicht angezweifelt und brauchte Bestätigungen.
Er erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein besonders kostbares Geschenk Magdalen Sibyllen in seinem Namen persönlich zu überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der Demoiselle melden, er erschien in großem Aufzug, mit Pagen und Läufern und Gepräng. Magdalen Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den auf solche Art Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn.
Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlößchen vor der Stadt. Goldene Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den kostbaren Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende Spiegel dehnten die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von allem Zierat einer großen Dame. Zwei Kutschen, ein Schlitten, Portechaisen, Reitpferde warteten. Im Vorsaal spreizte sich, mit wertvollen Steinen übersät, aus Gold und Silber ein Pfau, Symbol des Reichtums. Ueberflüssige Dienerschaft gähnte vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander hatte eine offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen konnte seine Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen.
Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener Ruhe. Sie fuhr aus, sie empfing Gäste, sie lachte und machte Konversation, alles maskenhaft starr. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum; das Schlößchen war wie das Gehäuse einer pomphaft aufgebahrten Toten.