Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, violettbraunes Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Aermel, kleiner Ausschnitt. Die bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu artiger Gemessenheit gezwungen wie etwa vor dem Baden-Durlachischen Geschäftsträger, mit dessen Hof man gespannt war, die schwarzen Haare unter der Perücke zeremoniös versteckt. Süß suchte ihrer Kälte zunächst durch ausschweifende, muntere Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie beizukommen. Sie hatte nur verächtlich knappe Antworten, war aus ihrer gepanzerten Frostigkeit nicht herauszulocken. Da versuchte er es anders, reizte sie zum Angriff, dankte ihr überschwenglich, daß sie sich resolviert habe, ihn zu empfangen. Sie erwiderte, sie habe es auf Ordre Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein kleines, konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles hingenommen, könne sie auch das noch über sich ergehen lassen.
Jetzt war Süß in seiner Strömung. Hinnehmen! Ueber sich ergehen lassen! Des Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück! Die Töchter des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein Prunkschloß, hundert Lakaien, Jagden, Assembléen befehlen können nach Belieben, arme Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr erging!
Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den Kampf, er glaubte offenbar, sie habe schon vergessen, sich eingelebt, er könne da wieder ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, teuflische Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das kleine modische, asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl Alexanders, unsanft, daß es bläffte, zur Erde gleiten, funkelte ihn an: Er solle nicht simulieren. Er wisse sehr genau, worum es gehe, was er ihr getan habe. „Sie sind ja schuld an allem!“ rief sie, und in ihre bräunlichen, männlich kühnen Wangen stieg Blut, und der feine Flaum darauf belebte sich.
Süß sah den festen, glatten Hals, die Kehle sich heben, sich senken. Er hatte sie, wo er sie wollte. Sie solle sich nicht unterschätzen, meinte er mit seiner geschmeidigen, streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei Seiner Durchlaucht schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner Nachhilfe nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die Ursache, und er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und ab, was er ihr dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach dem Diktionär der Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von Welt. Ernstlich also, was er ihr Leides getan habe?
Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierlich stolze Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach durch. Was er ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt in Falschheit und Schminke alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt den lebendigen Odem Gottes in ihr! „Wenn die Worte der Schrift,“ rief sie, „wenn die heiligen Worte keine Farbe haben und keinen Sinn mehr: Sie sind schuld daran, Sie haben sie tot und fahl gemacht! Sie!“
Aber das war es doch nicht, was sie sagen wollte. Warum log sie denn und warf ihm nicht nackt und wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze klägliche Niedrigkeit ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie denn?
Und da hatte er auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. Sie solle so nicht reden, sagte er, zu ihm solle sie so nicht reden. Das seien doch nur Ausflüchte, Selbstbetrug. Das Bibelkollegium von Hirsau und der Odem Gottes und Gesichte und Träume, das sei doch alles Schminke und Mummenschanz, gut für Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne Schenkel und Bresthafte und häßliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit seinen frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie Sie,“ rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es auch verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch ehrlich! Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein Vorwand, solange Sie warteten.“
Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen können, was ich hatte,“ sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen Kunst nicht glücken, es hinterher zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie alle Ihre armen Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir meinen Gott doch nicht zum Traum einer mannstollen Närrin hinunterschwatzen.“ Sie rief sich die erfüllten Stunden über dem Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht der Brüdergemeinde, die Gesichte von einst bekamen wieder Farbe, sie zwang sich zurück in den gläubigen Dunst der blinden Heiligen, sie zwang das Vergangene, wieder da zu sein, auf eine Minute war sie wie früher schlicht und ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch verschmäht,“ rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme Blühen in ihrer Stimme, „Gott lebt!“ Und noch einmal: „Gott lebt!“ rief sie, und er war ihr in Wahrheit auferstanden.
Doch ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und ihr Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. „Wenn das so ist,“ sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann vor mir, damals, im Wald von Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht gegen den Herzog? Ich glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß man nicht Macht haben kann über eine Frau, die des Gottes voll ist. Wenn die Beata Sturmin schön wäre, niemand würde sich an sie heranwagen, kein General nicht und kein Herzog nicht. Aber wenn sie schön wäre,“ lächelte er, „dann hätte sie eben nicht Gott.“ Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem entflatternden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte er ihr, was sie gefürchtet hatte, aber er sprach es nicht triumphierend, er sprach es gutmütig, mit seiner streichelndsten Stimme: „Ich will Ihnen etwas sagen, Magdalen Sibylle. Ich will Ihnen sagen, warum Sie damals im Wald vor mir geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles, was Sie seither getan und gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und Gegenschlag und Starrheit und Klage, das alles haben Sie nur deshalb getan und gespürt. Und ich will Ihnen weiter sagen: auch ich habe seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr Gesicht nicht sah und spürte.“
Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er das Wort sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er alle ihre erhabenen Gefühle, ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott hinüberzuziehen, alles nannte er bei seinem rechten, kleinen und lächerlichen Namen. Es war ja alles auch so einfach auf seine simple und alberne Formel zu bringen: sie war eben ein kleines, dummes, schwäbisches Landmädel, das sich in den erstbesten Kavalier vergaffte, der ihr unvermutet über den Weg lief, und ihre Erweckung und Gottesminne war nichts als ganz ordinäre, armselige Geilheit. Aber merkwürdigerweise verging sie durchaus nicht, als er ihr das auf den Kopf zusagte. Sie bäumte vielmehr hoch, sie stand auf wider ihn, und auf einmal konnte sie reden, und in geraden, unverkünstelten, zornigen Worten schalt sie ihn: Ja, sie habe vielleicht ihr Gefühl verkleidet und maskiert, aber er habe das Niedrigste, Schäbigste, Jüdisch-Ekelste getan, was ein Mensch tun könne, habe sein Gefühl verschachert.