Er leckte aus ihren Worten nur den Honig, nach dem seine Eitelkeit gelüstig war, sah nur mit gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte. Und er wollte sie wieder gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu paradieren. Mit geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet, entfaltete er denn auch sogleich das Argument, das sie schlagen, das sie ihm fangen mußte. Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie hin: Wie sie ihm unrecht tue! Ja, er wisse, er hätte damals leicht ihr Gefühl in seine Hand bekommen können, so daß sie sich ihm willig gegeben hätte. Doch er sei kein Freund der billigen Mittel. Mit seiner Macht und seinem Glanz auf das schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei ihm zu wohlfeil vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie der Herzog nach ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, jetzt stünden sie gleich zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. Und er freute sich, wie fein und glänzend er den Handel zu seinem Vorteil gedreht hatte.

Im tiefsten wußte Magdalen Sibylle, daß es Phrasen waren, galante Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr lieblich ein, sie hatte solange gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig belügen. Er indes berauschte sich an seiner Rede, steigerte sich weiter. Er sah nicht oder befahl sich nicht zu sehen den Zwiespalt zwischen dem geraden, natürlich gewachsenen, durch seine Schlichtheit schönen Landmädchen und dem höfisch zeremoniösen, überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß mit dem unter der Perücke versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches genommen war, daß der braunviolette Brokat das lebendige, atmende Mädchen zu einer Puppe weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer Glieder, das unschuldige, unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, artig gezügelt und eingeteilt, sie als gleiche unter die anderen herunterzog. Er wollte sie sehen, wie er sie brauchte, sich vor ihr zu spreizen, sein eigenes Denkmal auf ihrem Sockel zu postieren. Er sprach: „Wer gewachsen ist wie Sie, wer den Kopf wirft wie Sie, der ist nicht geboren, um Gott im Bibelkollegium von Hirsau fromme Lieder zu singen.“ Er stand hinter seinem Stuhl, die Ellbogen auf der Lehne, beugte er sich vor zu ihr, sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner dringlichen, eingängigen Stimme, die gewölbten Augen heiß auf ihr: „Haben Sie es nicht gespürt jetzt, was es heißt Macht haben? Versuchen Sie es doch, kehren Sie doch zurück in Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie Strümpfe! Versuchen Sie es doch! Sie können es nicht mehr!“ schloß er triumphierend. „Sie haben geschmeckt jetzt, was Ihre Bestimmung ist.“

Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand gehoben. Das Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel verkrochen. Sich sträubend, ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig nach mehr, erregt stand sie ihm gegenüber in der anderen Ecke des kleinen mit Zierat überfüllten Gemachs, von dem sie in dem mächtigen Prunkgewand einen großen Teil einnahm. Schlank, geschmeidig, unhörbar auf dem weichen Teppich kam er ihr nach und nahe.

„Lassen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen Sibylle! Die waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß von Ludwigsburg Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie sie fest! Es ist eine gute, schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich sie Ihnen wies.“

Er war jetzt ganz nahe an ihr, daß sie sich wie flüchtend in die Ecke drücken mußte. „Magdalen Sibylle!“ beteuerte er, und er glaubte es beinahe selbst, während er sprach; sie jedenfalls, das sah er, von Anfang an geneigt, sich überzeugen zu lassen, war bracher Acker für solche Saat. „Magdalen Sibylle! Ich habe Sie, weiß Gott, nicht darum dem Herzog überlassen, einen Stein mehr im Brett zu haben. Ihretwillen hab ich es getan. Sie auf den Weg zu bringen. Wir haben nämlich Einen Weg, Magdalen Sibylle, Sie und ich: er heißt Macht.“

Und während sie ihm, das letzte Mißtrauen in die fernsten Winkel gescheucht, zuschaute, ängstlich und bewundernd wie einem Seiltänzer, spielte er sich ihr vor. Seiner Mutter zu imponieren, die von Anfang an ihn glaubte, ah, das war leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier, die Mißtrauische, sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte, das war, geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie wohl auf erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein kaltes, ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, gerade diese Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer höher, schwelgend an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime Wünsche preisgebend und Erkenntnisse und Urteile, die besser verschlossen geblieben wären. Auf und nieder ging er, sich berauschend an der eigenen Rede, immer glänzender den Spiegel reibend, in dem er sein Bild sah, ein eitler Schauspieler seiner selbst.

Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, stehen wir gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die Hand am Hebel der Macht. Nicht dieser Herzog hat ein Recht auf Sie. Wer ist er denn, dieser Herzog?“

Der erhitzte Mann redete sich in eine Geringschätzung hinein, die er sich selber sonst nie eingestand und vor deren Enthüllung später dem Ernüchterten bangte.

„Dieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem Exerzierreglement regieren zu können. Hat keine Ahnung von den Zusammenhängen. Kein eigenes Aug, kein eigenes Gehirn, kaum ein eigenes Herz. Mißt den Genuß nach der Zahl der Weiber, nach der Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröhl seines Remchingen für dionysische Lust. Es ist ein Zufall, es ist gutes Glück, daß er auf Sie gefallen ist. Er sieht ja nichts, er begreift ja nichts von Ihrem Reiz. Ich hab den Anspruch, ich! Ich hab Sie hingebracht, wo Sie jetzt stehen, ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um Sie. Ich bin hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering, Griff um Griff, Schritt vor Schritt, daß ich jetzt vor diesen schwäbischen Tölpeln stehe wie meine Stute Assjadah vor ihren dicken Ackergäulen. Und so hab ich Sie höhergestellt als die anderen braven, wackeren, hausbackenen schwäbischen Fräuleins. So steh ich vor Ihnen, der Gleiche vor der Gleichen. So sag ich Ihnen meinen Anspruch und verlange Sie. Wären Sie unbewußt und dumpf in mein Bett geglitten, wie Sie aus dem Wald von Hirsau kamen, solcher Sieg wäre mir zu leicht gewesen und wie Betrug. Jetzt, erfahren, wissend, wer ich bin, wer Sie sind, sollen Sie sich entscheiden. Jetzt sollen Sie mir sagen: ich gehöre zu dir, ich komme.“

In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen Eindruck nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in kalten Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich selbst kam, hatte er schon, sich neigend, ihr zeremoniös die Hand küssend, die Zerrissene, Verwirrte allein gelassen.