Leicht, heiter kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er hatte die Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über denen, die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der plumpe Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die Geburt, er hatte die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser einzuholen. Er war der Stärkere.
Und die Stute Assjadah fühlte ihn auf ihrem Rücken leichter, beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da er kam. Es war eine Lust, ihn zu tragen, und sie wieherte hell seinen Ruhm in die Stadt.
Der Eßlinger Kindermord erregte weithin im Reich das größte Aufsehen und Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden erzählt, wie der Jude dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft und in seine Osterkuchen gebacken, um so Macht zu erringen über alle Christen, mit denen er zu tun habe. Alle die alten Historien wurden wieder lebendig, die Legende von dem heiligen Simon Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die gleiche Weise abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten Mädchens, was für eine süße, englische, kleine Jungfer sie gewesen. In den Schenken sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, Zeitungen und fliegende Blätter erzählten sie in wilden Versen und blutrünstigen Holzschnitten.
Schon regte es sich im Volk, sich tätlich an den Juden zu rächen. Rottete sich zusammen an den Toren des Ghettos, wer sich zu zeigen wagte, wurde mit Steinwurf, Kot und unflätigem Schimpfwort empfangen. Der Handel stockte, der christliche Schuldner trat mit Hohn vor den jüdischen Gläubiger, raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen die Prozesse in die Länge, versagten. Im Bayrischen, in der Gegend von Rosenheim, an der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte ein Getreidewucherer, dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit einem entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen Handelsleuten aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die kurfürstliche Regierung schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst scharfe schwäbische Reklamationen und energische Vorstellungen der Wiener Kanzlei machten dem Unfug ein Ende.
Auch an den Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger Handel mit größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch primitive Manier die Reichsstadt dem württembergischen Herzog und seinem Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand aber schadenfroh gerade diese Naivität sehr geschickt. Das Hauptstück des Beweises blieb die glückliche Spekulation auf den Volksglauben, daß in der Christnacht Geborene von den Juden besonders gefährdet seien, und daß eben das ermordete Kind in der heiligen Nacht geboren war.
Doch gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende, lehmfarbene Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die Verängsteten, stierten auf das gestaltlos Nahende. Ai! Ai! Immer wenn einer von ihnen gepackt wurde um so tückisch dumme Beschuldigung, wurden gemetzelt Tausende, verbrannt, gehängt Tausende, hin und her gehetzt über die Erde Zehntausende. Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um sie eine Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem Namen zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren Straßen, daß sie vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war die erste Woche. Dies Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken und Nichtwissen: wer, wo, wie. Die Angesehensten liefen zu den Behörden. Sonst, wenn man sie brauchte, wurden sie umschmeichelt; jetzt wurden sie nicht vorgelassen. Dies Achselzucken in den Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an ihrer Angst, dieser lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses Handzurückziehen von den Schutzlosen. Ai! diese Behörden, die sich das teure Geld zahlen lassen für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für die Fährnis und hohe Not ihrer Juden. Ai! diese zwei kahlen und lässigen Stadtsoldaten am Tor des Ghettos, wie sollen die schützen vor einer Horde von tausend Räubern und Mördern! Ai! man sieht deutlich, wie die Aemter und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die Hände auf den Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann herfallen über die Wehrlosen! Ai die grausige Not! Soll helfen der allgewaltige Gott, gelobt sein Name! Ai du armes Israel! Ai die schutzlosen, zerrissenen Zelte Jaakobs!
Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die Nachricht durch alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, von Mantua bis Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, in Eßlingen, der bösen Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. Sagen die Gojim, er habe geschlachtet eines von ihren Kindern. Rüstet sich Edom, will herfallen über uns, heute, morgen, wer weiß. Höre Israel!
Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre Geschäfte, verschreckt, mit ratlosen, törichten Augen flatterten in die Winkel ihre schönen, geschmückten Frauen und sahen gläubig auf die Männer, bereit, blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem an hielt die ganze Judenheit des römischen Reichs und weit hinaus über die Grenzen. In ihren Betsälen sammelten sie sich, schlugen die Brüste sich, bekannten ihre Sünden, fasteten den Montag, den Donnerstag und wieder den Montag vom Abend zum Abend. Aßen nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng gepreßt in ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel und in ihre Totengewänder, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend. Schrien zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen, verzweifelten Stimmen, die an die gellen, mißtönigen Widderhörner erinnerten, die sie am Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf ihre Sünden, sie schrien: „Nicht unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht unsertwillen! Sondern um der Verdienste der Erzväter willen.“ Sie zählten auf die endlosen Namenslisten der Vorfahren, getötet für die Heiligung des göttlichen Namens, die Gemarterten von den Syrern, die Gefolterten von den Römern, die Geschlachteten, Gewürgten, Verbannten von den Christen, die Märtyrer von den polnischen Gemeinden bis zu den Gemeinden von Trier, Speyer, Worms. Sie standen weiß eingehüllt in ihre Leichenlaken, den Kopf bestreut mit Asche, sie standen den ganzen Tag, alle Glieder ekstatisch geschüttelt bis zur Erschöpfung, sie schacherten und zeterten mit Gott, wenn der Tag graute, und wenn der Tag trüb wurde und sich neigte, standen sie noch und schrien mit ihren häßlichen, ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des Bundes mit Abraham und der Opferung Isaaks!“ Aber auf hundert Umwegen mündeten alle Gebete immer wieder in den wilden, gellenden Chor des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist Adonai Elohim, eins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“
Aber durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen. Verschüchtert, ängstlich, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf einem Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und töricht aus ihren Andachtsbüchern, die, in rabbinischen Lettern, in einem Mischmasch von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten und andere fromme Legenden erzählten.
In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von Polen bis ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu gleicher Stunde, wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand die ganze Judenheit, gewendet gegen Osten, gegen Zion, die Gebetriemen an Herz und Hirn, gehüllt in Leichenlaken, stand und bekannte: „Nichts ist uns geblieben, nur das Buch,“ stand und schrie: „Eins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“