Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei waren, zeigte sich, daß die Reichsstadt Eßlingen den Prozeß des Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus politischen Gründen, vielleicht wollte man bei Gelegenheit in konkretem Fall den Prozeß gegen das herzogliche Kabinett ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer, zögernder Quälerei, sei es, daß man hoffte, noch irgendein kräftigeres Indizium beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad der Folter nicht hinausgediehen.
Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch die Jahrtausende gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich aufraffend, liefen, rannten, bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich zu verkriechen, wenn der Graus losbrach. Besiegeln und bestätigen ließen sie ihre Schutzbriefe, Bewaffnete und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer Verteidigung, auf allen Straßen liefen ihre Kuriere, gemeinsam den Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in allen Ratsstuben arbeiteten ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen zu bewegen; in Wechseln und Kreditbriefen ging ein Großteil ihres Kapitals ins Ausland, in Sicherheit.
Doch über allem, was sie dachten und handelten, lag die lehmfarbene Wolke. Der heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre Speisen zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren Gewürzen den Duft, lähmte ihre flinken, heftigen, eifernden, liebevollen Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort versanken und verstummten, blutwitternd vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die lehmfarbene Wolke, tief hinein in ihre stolzen, triumphierenden Sabbate, die sonst, träumend vom Glanz des versunkenen Reichs und des künftigen Messias, ihrer Bettler ärmster prinzlich feierte.
Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war wie Stroh, wie das Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. Die Wolke war da und das half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie ihren Alltag trieben, ihre Feste feierten, aus jedem Winkel sprang die schnürende Angst sie an.
Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über der Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren, gerunzelten Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die grausigste Verfluchung, die je ein Menschenhirn erdacht. Jene Verfluchung, die der Jude angstvoll zu überschlagen pflegt, über die der Vorbeter bei der alljährlichen Verlesung der Schrift scheu und eilig und mit halber Stimme hinweggleitet, sie nicht zu berufen. Aber die Augen des alten Rabbi blieben kleben an den drohenden, klotzigen Buchstaben, und er las:
„Senden wird Adonai gegen dich das Unglück, die Zerrüttung und das Verderben in allem Geschäft deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib wirst du dir verloben und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du dir bauen und du wohnst nicht darin. Adonai wird dich geschlagen hingeben deinem Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und auf sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Und er wird zum Haupte und du wirst zum Schwanze sein. Und er wird dich bedrängen und dich einengen, daß du aufissest deine Leibesfrucht, das Fleisch deiner Söhne und Töchter, die Adonai dir gegeben, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind dich engen wird. Die Frau, die unter dir die weichlichste ist und sehr verzärtelt, deren Fußballen es nicht versucht, auf die Erde zu treten vor Verzärtelung und Weichlichkeit, deren Auge wird feindselig schauen auf den Mann ihres Schoßes und auf ihren Sohn und ihre Tochter. Wegen des Säuglings, den sie geboren zwischen ihren Füßen, daß jene nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus Mangel an allem, im geheimen, in der Drängnis und Enge, in die dein Feind dich engen wird in allen deinen Toren. Und Adonai wird dich zerstreuen unter alle Völker; und du wirst nicht rasten unter diesen Völkern und es wird keine Ruhestatt sein für den Ballen deines Fußes. Und Adonai wird dir daselbst geben ein zitterndes Herz, ein bängliches Aug und ein schwächliches Geblüt; und du wirst Angst haben Nacht und Tag und nicht trauen deinem Leben. Am Morgen wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und am Abend wirst du sprechen: Wer gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines Herzens, die du bangen wirst, und vor dem Gesicht deiner Augen, das du sehen wirst.“
So las der alte Mann und sein Herz war voll von grauer Furcht, und er schlug seinen Gebetmantel über den Kopf, die großen, drohenden Buchstaben nicht länger zu sehen, und er weinte und stöhnte. Seine Frau, die nicht wagte, ihn beim Studium zu stören, stand erschreckt an der Tür und hörte, wie er stöhnte, und sie zitterte, und ihr altes Herz schlug vor Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu stören.
Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen eingesunkenen, müden, betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz naß von Tränen.
Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich Weißensee, von Weißensee jetzt, hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da Magdalen Sibylle dem Herzog zugefallen war. Wohl gab es noch immer keine politische Affäre im Reich, und im schwäbischen Kreis im besonderen, darein er nicht seine gelüstig schnuppernde Nase, seine feinen, spielerischen Finger gesteckt hätte. Aber seine Flinkheit hatte jetzt etwas Fahriges, seltsam Lebloses, Mechanisches. Es kam vor, daß der gewandte, welt- und redekundige Mann mitten im Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden begann. Oder daß er mitten im Wort einhielt, mit dem Kopf wackelte, mummelte, ganz schwieg. Dann wieder erschien etwa der peinlich nach der letzten Mode Gekleidete ohne Kniegürtel oder machte sonst einen unbegreiflichen Toilettefehler. Sehr merkwürdig war sein Benehmen zu den Frauen. Er sprach und bewegte sich vor ihnen mit größter Courtoisie, aber es konnte geschehen, daß er ihnen in aller Verbindlichkeit etwas dermaßen Zotiges sagte, daß selbst der General Remchingen darüber stutzte. Auch wollte man wissen, daß er, von dem früher nie dergleichen bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt. Sonderbarerweise bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner Meinung durch die Hände des Süß gegangen waren.
An den Süß attachierte er sich noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn in der nächsten Umgebung des Herzogs wußte man, daß der Jude nicht mehr so unmittelbar im Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte Weißensee bei der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen Projekts genoß, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und sich vor ihm mit jeder Vorsicht spickte. Dann wieder geschah es unvermutet, daß der Kirchenratsdirektor mit unziemlichem Gespöttel auf des Süß Judentum hinwies, was er bisher sorglich vermieden hatte. Er fragte ihn etwa nach der Bedeutung gewisser hebräischer Worte, und trotzdem Süß sehr ablehnend betonte, er habe sein bißchen Hebräisch längst vergessen, wiederholte er diese Frage mehrmals, und dies in größerer Gesellschaft.