Für einen Abend bat er plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen auch sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es war nichts; Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere Ausflucht. Die Herren, verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, erkannten seine Not, blieben. Da saßen sie nun, Schulkameraden, sehr umgetrieben alle drei, begabt von Natur alle drei und wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit, geachtete Namen, in starker Position. Da saßen sie und tranken, und die beiden breiten und behäbigen Männer waren einsilbig, während der schlanke, elegante Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches sprach und fast ängstlich bemüht war, kein Schweigen aufkommen zu lassen. Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar gediehen sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian Eberhard Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie seien doch eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man entbehre sehr des Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit einem fahlen und fahrigen Lächeln und einer leeren Handbewegung meinte, es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte sich nie von Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens über dieser Arbeit gesessen. „Ja,“ sagte Harpprecht und eigentlich war dies keine Antwort, „es ist eine schmutzige Zeit, alle Wege sind schmutzig, und es ist verflucht schwer, sich sauber zu halten.“

Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. Er vereinte Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuß des Parlaments, formulierte und stilisierte die Beschwerden der Demokraten gegen das Willkürregiment des Herzogs und war eben dieses Herzogs illegitimer Schwiegervater und Vertrauter. Er konferierte mit Süß, mit den Jesuiten, den Generälen und verfaßte schwungvolle Apologien der Konstitution und der evangelischen Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine Schlingen in allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so vieler Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen Hebel und Angel zu sein. Wäre selig aufgegangen in diesem atemlosen Betrieb, dieser zappelnd-wirbelnden, hunderthändig wichtigen Geschäftigkeit. Der Kirchenratsdirektor ließ wohl auch jetzt Aug und Hand in jeder Aktion, aber zum Staunen aller zog er sich plötzlich mitten im tollsten Getriebe zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau in sein verödetes Haus über seinen Bibelkommentar.

Er kam nicht voran damit. Verdrießlich sah er auf die dicken Kompendien der Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und wacker den gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die Studenten an dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird noch gute Weile dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz und Leben gefüllt haben.

Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. Wohl brannte die Lampe tief in die Nacht über seinen Büchern; aber seine Augen sahen nicht die Buchstaben, nicht die krausen griechischen, nicht die festen deutschen, nicht die blockigen hebräischen. Sahen eine, die nicht da war; bräunliche, flaumige, männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in seltsamem Widerspiel zu dem dunklen Haar. Sahen sie im stillen Kreis der Lampe, verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage schlurfte er durch die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte in Pantoffeln, ohne Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die Winkel, strich mit der feinen, dürren Hand zärtlich über eine Tischdecke, die Lehne eines Sofas, abwesend, mit verrenktem Lächeln.

Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich rufen. Der erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor wegen seines Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei bezichtigen, vor Gericht schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig über die Erde jagen. Jetzt, wo seine Tochter nicht mehr im Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle Rücksicht fallen lassen. Dem pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus, seine frommen Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit kurzen Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald kriegte er seinen Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt hat, so wird er solche Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er, wenngleich merklich schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig vor den Prälaten und hub sogleich an, streitbar von den drei Männern im Feuerofen zu sprechen. Doch Weißensee, zunächst erstaunt, unterbrach ihn bald, erklärte verbindlich, er habe ihn durchaus nicht in amtlicher Eigenschaft zu sich gebeten, er habe nur den alten Freund seiner Tochter wieder einmal sehen und sprechen wollen. Der Magister, sehr erleichtert, sprach einfältig, herzlich und ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie der ganze Kreis diese fromme, edle und erlesene Schwester vermisse. Weißensee hörte gierig zu, der Magister machte sich im stillen Vorwürfe, daß er den aimablen Herrn für einen Wüterich und Holofernes habe ästimieren können, und taute mehr und mehr auf. Der Kirchenratsdirektor befriedete sich sichtlich an dem wohltuend schlichten Geschwätz, er kam öfters mit dem Magister zusammen, ja, die beiden machten gemeinsame Spaziergänge im Wald. Zaghaft begann schließlich Schober von seinen Versen zu sprechen, er rezitierte sein Poem: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und jenes andere von Jesus dem besten Rechenmeister. Als Weißensee freundlich zuhörte, als er gar etwas von Drucklegung verlauten ließ, gewann diese Leutseligkeit des großen und gelehrten Herrn den jungen Menschen ganz ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das Herz fast bersten wollte, ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem Himmlischen Jerusalem und dem argen Juden, ihrem Vater, anvertraute.

Aufhorchte da Weißensee. Abfiel seine Müdigkeit, Fahrigkeit. Tagelang streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister durch den Wald. Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder und wieder erzählen. Forschte nach dem Alten, dem Holländer, Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten. Kombinierte. Bekam zwar Naemi nicht zu sehen, setzte sich aber aus all der Mosaik die Wahrheit ziemlich getreu zusammen.

Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber nicht mehr schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; federnd, jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen Träume füllten sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief und gekitzelt lächelten seine feinen und sehr beweglichen Lippen, und manchmal wohl sprach er, Akteur seiner Träume, vor sich hin: „Voyons donc, mein Herr Geheimer Finanzienrat!“ oder: „Ei, ei, wer war sich das vermutend, Exzellenz?“

Ja, wer war sich das vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das Leben und die Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man bildete sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und mußte wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch immer noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der ausgekochteste Zweifler supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief das Gesicht des Juden vor sich in sein einsames, nachtstilles Zimmer. Er schloß die Augen und spähte es aus, Zug um Zug, den gelüstigen, sehr roten Mund, die weißen, kalten, eleganten Wangen, das unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen, raschen, fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den Rechnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten, eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle im Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie Sie vor mir gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! Was für eine wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, mein Herr Hebräer, ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr zusammennehmen. Ich war wohl ein wenig faselig und plapperig und habe mich nicht ganz à la mode geführt an jenem Abend. Ich saß wohl sehr elend und vertan auf meinem Stuhl, dieweilen Sie rank und schlank und schneidig vor mir standen, und das Mark krümelte sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl neugierig, wie sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall.

Der Kirchenratsdirektor Philipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den weiten Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher ringsum schauten stumm und gelassen, durch das offene Fenster drang stark der Hauch des nächtlichen Waldes. War das Rache, womit er sich da abgab? Waren das Rachepläne? Fi donc, er besudelte sich nicht mit so bürgerlich gemeinen Empfindungen. Er war nur – ja, was war er? neugierig, neugierig war er, wie der Jude sich halten wird. Ob er auch plötzlich so schlapp und alt sein wird und was überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert wird das sein, höchst lehrreich wird das sein, viel interessanter, als was es gemeinhin in den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu sehen gibt.

„Voyons donc, Exzellenz! Eh voilà, mein Herr Geheimderat!“ sagte der feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. Dann setzte er sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit abschätzigen, spöttischen Augen glitt er über die wackeren Arbeiten der Hochstetter, Weißmann, Hedinger, der braven, umständlichen, gelehrten Männer, und flink und fröhlich ging ihm jetzt das Werk vonstatten.