Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und zäh in Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue Männer, Militärs zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten und bei äußerlich gutem Einvernehmen ihre Verachtung des Juden nicht verbargen. Da war der General Oberburggraf von Röder, ein ungeschlachter Mann, dann der Kommandant vom Asperg, Oberstleutnant von Bouwighausen, ferner ein Rudel lärmvoller und farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um den Herzog waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister Buckow. Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders zuwider war, der Major von Röder, Vetter des Burggrafen, Kommandant der berittenen Stuttgarter Bürgergarde, des Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann, niedere Stirn, harter Mund, rohe Tatzen, doppelt unförmig in den Handschuhen. Doch am meisten zu Haß und Ekel blieb dem Juden jener Dom Bartelemi Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und Kommerziengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder ins Licht rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, immer in streng zeremoniöser, verschollener portugiesischer Hoftracht, über mächtiger Halskrause das blaurote, verdrückte, entfleischte Gesicht mit der Geiernase und dem gefärbten Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem Süß äugend mit länglichen, starren, schmalen Augen.
Diese alle, dazu die anderen alten Feinde, Remchingen, der Kammerdiener Neuffer, staken jetzt in dem katholischen Projekt. Süß, so klar und weit er das Ganze überschaute, viel klarer als die groben, großspurig törichten Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr wichtiges nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen Rat unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig das eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter vortastete, schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche Spioniererei ein für allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser Katze durch den Bach zu fahren, werde man es ihm, vielleicht! sagen.
Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig wiederhergestellt, war groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die von dem Würzburger erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die erwünschten Folgen gehabt hatte; die Herzogin war schwanger. Das Land hörte diese Botschaft mißvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos gestorben, so wäre die protestantische Linie wieder ans Regiment gekommen; so aber sah man sich Rom und den Jesuiten aufs Unabsehbare ausgeliefert. Die angeordneten Bittgottesdienste für die Herzogin waren schlecht besucht; nur wer mußte, kam.
Aber der Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, sanguinischen Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie Auguste mit plumpen Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft durchaus nicht gelegen gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie fürchtete auch sonst Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst und Ekel vor der Entbindung; überdies erschien ihr Mutterschaft an sich als etwas Genantes, Plebejisches, einer Aristokratin nicht Anstehendes. Sie dachte auch daran, die Schwangerschaft beseitigen zu lassen, ja, sie machte schon dem Doktor Wendelin Breyer Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen, entschuldigenden Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten Stimme vom Glück der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike, erwähnte die Mutter der Gracchen und jene andere Heldenmutter, die ihren Sohn lieber auf dem Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte. Seufzend, in Gedanken auch an die simpel generalsmäßige Einstellung des Herzogs, gab Marie Auguste es auf.
Gierig hingegen und angenehm übergruselt hörte sie zu, wie Süß gelegentlich von Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die langhaarige, geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem Gatten; denn er war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen, wie sie es verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen Gottesnamen und flog nach Aegypten, dem Land alles bösen Zaubers. Seither, hassend Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin und Säugling mit Fluch und argem Schaden. Doch es ereilten sie in Aegypten die drei Engel, die Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi und Semangelof. Zuerst wollten sie sie ertränken; dann aber ließen sie sie frei, nachdem sie mit dem Eid der Dämonen hatte schwören müssen, keine Wöchnerin zu schädigen und keinen Säugling, die durch die Namen der drei Engel geschützt sind. Deshalb schützen die jüdischen Frauen ihr Wochenbett durch Amulette mit den Namen der drei Engel.
Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin vertraulich den Juden, ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen könne. Gewiß könne er das, versicherte er eifrig ergeben. Sie erzählte dann bei Gelegenheit ihrem Beichtvater davon, dem Pater Florian. Der verwarnte sie wild und dringlich. Aber sie beschloß dennoch, sich das Amulett geben zu lassen. Besser war besser, und nach Benützung konnte sie es ja beichten.
Im übrigen nahm sie ihre Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in einer leichten, spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in leichtem Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnäßten Kleider gegen Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Mummerei überlegen amüsiert.
So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz in weißen, hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, edlen Marmors der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen Haar spitzbübisch züngelte. Um sie her die kleine Assemblée der Vertrauten, die für den Christabend geladen waren. Der Herzog hatte den Süß ausschließen wollen. Aber Marie Auguste hatte mit ihrem amüsanten und galanten Hofjuden, seitdem er ihr jene Geschichte von dem Amulett gegen die Lilith erzählt hatte, ein besonderes, heimliches und wortloses Einverständnis und wollte ihn auch an diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in der Isolierung dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In ehrlicher Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr hübsche Gemme, in die ein gefatschter Säugling geschnitten war, und eine ziervolle chinesische Kinderklapper aus Porzellan und Elfenbein; äußerst fein geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf mit beweglichen Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und klapperten. Als drittes aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und Verehrung überreichte er ihr ein kleines goldenes Etui; sie wußte, darin war das Amulett.
Doch die anderen, mißvergnügt, daß Süß noch immer so fest in Gunst stand, empfanden ihn gerade an diesem Abend als Eindringling und fielen mit plumpen, bösartigen Späßen über ihn her. Der Herzog, ein Wort Remchingens aufnehmend, mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an dem Juden versehen, daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog bekomme. Marie Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine Etui; heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus, betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, blockigen hebräischen Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, zackten sich beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und bedrohlich primitive Vögel.
Süß hörte indes Sticheleien und grobe Attacken mit der gleichen aufmerksamen und gelassenen Verbindlichkeit an. Später dann wandte er sich an den Herzog und Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der Herr Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob die evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen“ oder die katholische: „den Menschen, die guten Willens sind“ die richtige sei. Er freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur Lösung dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen verblüfft sahen die Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und horchten skeptisch und spöttisch auf, während Süß höflich und gleichmütig fortfuhr: Seit dem Professor Baruch d’Espinosa, den der höchstselige pfälzische Kurfürst an seine Universität Heidelberg habe berufen wollen, hätten seine Glaubensgenossen sich eingehend mit dem wissenschaftlichen Studium auch des Neuen Testaments befaßt. Er habe nun wegen der besagten Textstelle an einen Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und folgende Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokias“, was die Vulgata und die Katholiken richtig mit „bonae voluntatis, guten Willens“ übersetzten. Erasmus aber habe seine Bibel nach einem Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia“, ohne s, stand, und danach habe Luther: „ein Wohlgefallen“ übersetzt. Erasmus wäre sicherlich auf den Fehler gekommen, wenn er nicht solche Eile gehabt hätte. Aber er hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem des Kardinals Ximenes zuvorzukommen. Darum also sei bei allem Respekt vor der Gelehrsamkeit des Herrn Kirchenratsdirektors das lutherische Weihnachtsevangelium hier nicht in Ordnung und Seine Durchlaucht hätten den rechten Text.