Süß brachte diese Erklärung bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er sagte, war so einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder andere es verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit ihres Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinanderblätterte, und Remchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden nicht nur mit Wechseln und Juwelen, sondern auch mit dem Wort Gottes. Weißensee verbreitete sich über die Stellung der Frau im Alten und im Neuen Testament. Dies war ein Thema, in das er sich unter dem schmerzhaften Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem Bibelkommentar wild verbissen hatte. Im Neuen Testament: die Madonna, im Alten: die tausend Weiber des Salomo. Er sprach glatt, elegant, geschmeidig, verbindlich, wie das seine Art war. Aber es klang irgend etwas Verstecktes, so Feindseliges durch, daß Magdalen Sibylle tief erblaßte und daß ihre Hand ganz kalt wurde.

Sie saß neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und stattlich. Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr wohl, mit ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des Mädchens zu streicheln. Magdalen Sibylle rang von neuem und leidvoller um den Süß. Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber sie sah, daß er sehr allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum, er kam ihr vor wie ein schlanker, schmeidiger Panther unter plumpen, zottigen Bären. Und sie ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen ihm und dem Herzog und zwischen ihm und ihrem Vater.

Süß sagte leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus dem Alten, noch die aus dem Neuen Testament. Die einen seien ihm zu heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten mit beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig lüsternes Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen Sibylle, die ihm willkommen fester Grund und Bestätigung war, von der rotblonden, pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, die, merklich kühler, die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben hatte, zu den süßen Damen Götz, die, genau nach dem Vorbild der Mutter die Tochter, sich dem Herzog noch immer weigerten.

Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In dem plärrenden Wienerisch, das er, der im Augsburgischen Geborene, sich angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, meinte er, nach dem Gemauschel, das man zu Zeiten höre, müsse die Heilige Schrift im Urtext als recht ein ärgerliches und zuwideres Gequäke und Gegurgel klingen. „Glauben Sie, Exzellenz,“ fragte sehr höflich Süß zurück, „daß unser Herrgott mit Adam im Paradies wird wienerisch oder daß er mit ihm wird hebräisch parliert haben?“ Die Herzogin lachte, freute sich über ihres Juden feines Maulwerk, über Remchingens Abfuhr, streichelte verstohlen das Etui mit ihrem Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die Glöckchen der Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der Burggraf Röder erachtete es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er wandte sich an die Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht so weit seien. Die Kinder, die heute nacht geboren würden, hätten nichts zu lachen. Und da war man denn endlich da, wo man schon lange hin wollte, und man sprach eingehend, umständlich und gewichtig, dieweil Süß zäh schwieg, von dem Eßlinger Kindermord. Die Offiziere vor allem hatte das Argument, daß das Mädchen in der Christnacht geboren war, durchaus überzeugt. Nur Herr von Riolles, der ein Freigeist war, meinte, wenn wirklich die Juden die in der Christnacht Geborenen gefährdeten, so hätte Jesus von Nazareth einfach eine andere Nacht sollen für seine Geburt wählen; dann wäre ihm das Kreuz, uns allen das Christentum erspart geblieben.

Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren, blauroten, gichtknotigen Fingern betastete er sie, nah an die Geiernase vor die starren, länglichen, tief in den Höhlen versteckten Augen führte er sie; dann äußerte er sich sachlich und eingehend über das wertlose Material der von Süß geschenkten Gemme und der Kinderklapper, und daß es im Juwelenhandel Usus sei, solches Zeug umsonst dreinzugeben. Hämisch im Gegensatz wies er wieder einmal darauf hin, wie ungeheuren Wert der Solitär habe, den Süß selber am Finger trage, und aus ihren tiefen Höhlen blinzelten hinter faltigem Lid die schmalen Augen gierig nach dem Ring. Doch Marie Auguste verteidigte ihren Juden. Dies sei keineswegs alles, was er ihr geschenkt habe, sagte sie mit ihrer gleitenden, lässigen, leicht spöttischen Stimme, und sie wies das Amulett vor, und sie erzählte die Geschichte von Lilith, der Dämonenkönigin. Scheu und gekitzelt hörte man zu, beschaute man die primitiven, bedrohlichen Vögel, die blockigen, unheimlichen Buchstaben des Pergaments. Bis endlich Karl Alexander mit lautem, etwas gewaltsamem Lachen die Lähmung löste, gutmütig und lärmvoll spottend, sie werde noch Jüdin werden, und sie könne sich freuen, daß sie sich wenigstens nicht werde müssen beschneiden lassen.

Doch nach der Tafel nahm er den Süß beiseite, haute ihn auf die Schulter, war sehr gnädig. Das mit dem katholischen und evangelischen Text, wie er da eine so runde, einleuchtende Erklärung habe schaffen können, das sei sehr amüsant gewesen, und er sei doch ein Tausendsassa. Unvermittelt dann sprach er dem geschmeichelten Süß von dem Magus, ob man den nicht einmal könne wieder zu sehen kriegen. Er wisse schon, von wegen dem, womit er nicht habe herausrücken wollen. Süß, unbehaglich, wich aus. Karl Alexander bestand nicht, sagte, es sei ja wahr, dem Magus sei schwer beizukommen, er sei ein schwieriger Onkel. Aber eines müsse der Süß ihm schaffen: ein Horoskop von dem Magus über das, was er sich für die Zukunft von den Frauen Böses oder Gutes zu versehen habe. Nach der Affäre mit der Napolitanerin, nach dem Auf und Ab mit der Herzogin, bei dem blöden, zimpferlichen Getue der Damen Götz wolle er darüber was wissen. Es sei nur recht und billig, daß ihm der Süß von dem Kabbalisten das Horoskop darüber stellen lasse. Nachdem er der Herzogin das Amulett beschafft habe, werde er ihm wohl auch den Gefallen tun; und nachdem er so Schwieriges beigebracht habe wie jene Bibelerklärung, müsse ihm das doch ein leichtes sein. Süß konnte nicht wohl ablehnen, zauderte, gab nach.

Man trennte sich bald. Die katholischen Herrschaften wollten noch in die Schloßkapelle zur Mette. Weißensee bat den Süß, ihn begleiten zu dürfen.

Die Herren schickten die Wagen voraus, gingen zu Fuß. Die Nacht war lau, starker, erregender Wind ging. Weißensee kam auf sein Thema zurück, wie seltsam es sei, daß die morgenländischen Geschichten sich nun im ganzen Erdteil so fest angesiedelt hätten. Er sprach vom deutschen Wald, wie kurios es sein müßte, wenn man dahinein plötzlich so irgendein morgenländisches Gebäu stelle. In seiner Gegend, im Wald von Hirsau, habe ein Holländer diese sonderbare Intention gehabt. Unter solchen Reden war man vor dem Haus des Juden in der Seegasse angelangt, und der Kirchenratsdirektor verabschiedete sich besonders umständlich und verbindlich. Sowie sein Bibelkommentar, in dem die liebenswürdige Auskunft des Süß eine besondere Stelle finden werde, fertig sei, werde er sich die Ehre geben, dem Herrn Finanzdirektor mit als erstem ein Exemplar zu überreichen.

Süß schritt durch die matterleuchtete Vorhalle. Es klang ihm in den Ohren: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Auf leisen Sohlen erschien der Kammerdiener, ob er Seine Exzellenz schon auskleiden dürfe. Süß winkte ab. Er konnte nicht schlafen. Lag ihm der Föhn im Blut? Und was der alte Fuchs da gesagt hatte von Hirsau, es klang ja sehr harmlos, auch war ja das Haus des Oheims eigentlich nicht morgenländisch; aber war in den Worten des Weißensee nicht doch ein Hinterhalt?

Er setzte sich an seine Akten. Allein die Ziffern schauten ihn nicht mit der kalten Sachlichkeit an wie sonst. Das krause Gerank des weißen Hauses mit seinen Blumen hängte sich an sie. Er warf den Kiel weg, ging auf und ab in splitternden, unbehaglichen Gedanken, während ringsum die Glocken der Mette läuteten.