Isaak Landauer saß in unschöner, unbequemer Haltung in einem der prunkvollen Sessel des Süß. Man hatte die geschäftlichen Dinge zu Ende gesprochen, und Süß, durch die schmuddelige Gegenwart des anderen gereizt, wartete nervös auf seinen Aufbruch. Doch Isaak Landauer traf keinerlei Anstalt, er strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart und sagte: „Ja, der Prozeß gegen den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal ist also in vier Wochen. Unbehaglich, Reb Josef Süß. Muß Euch sein besonders unbehaglich. Da habt Ihr Eure Lakaien, Eure Chineser, Euren goldenen Rock, Euren Papagei. Aber die Eßlinger spucken Euch drauf und bringen um den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal.“ Da der andere schwieg, fuhr er fort: „Wenn ich Euch gesprochen hab von dem Ravensburger Kindermord, habt Ihr gemacht ein Gesicht, hoffärtig wie ein Goj, und habt gesagt: Alte Geschichten. Jetzt seht Ihr’s mit Euren alten Geschichten, jetzt springt Euch das Schlamassel an den eigenen Hals.“
Aber Josef Süß schwieg zäh. Als die ersten Nachrichten gekommen waren von den Maßnahmen der Eßlinger, hatte er natürlich sogleich erkannt, daß sie gegen ihn gerichtet waren, nur gegen ihn. Er wollte zufahren, zwang sich, seinen Zorn zu überschlafen, das Für und Wider eines Eingreifens in aller Ruhe zu überdenken. Nahm er Partei für den Jecheskel Seligmann, so gefährdete er seine Nobilitierung und die Mariage mit der Portugiesin, beschwor tausend aufreibende Kämpfe mit dem Parlament herauf, mußte als Kompensation mannigfache Vorteile gegen die Eßlinger preisgeben. Somit war seine Taktik klar. Er kannte den Juden Jecheskel Seligmann nicht. Wenn die Eßlinger, bloß um ihn zu ärgern, ihre Justiz durch einen offenbaren Fehlspruch kompromittieren wollten, mochten sie es. Ihre Sache. Er wird sich nicht einmengen. Streng neutral bleiben. Eisern schweigen.
Demgemäß handelte er. Beschränkte sich auf wirksame Schutzmaßnahmen für die von ihm im Herzogtum zugelassenen Juden und ihre etwas zweifelhaften Rechte. Ließ sich im übrigen durch keine Stichelei und keinen Hohn aus seiner Passivität herauslocken.
Auch für die Reden Isaak Landauers, so sehr sie ihn ägrierten, hatte er keine Antwort. Doch der andere beharrte eigensinnig: „Ich hab aufgekauft mit ein paar anderen alle Schuldforderungen an die Stadt Eßlingen. Besteht sie auf dem Prozeß, komme ich acht Tage vorher mit meinen Obligationen. Läßt sie nach, laß ich nach. Drückt sie zu, drück ich zu. Aber man kann nicht wissen,“ schloß er bekümmert und rieb sich die fröstelnden Hände. „Diese Gojim sind geschlagen mit aller Bosheit und Dummheit. Wenn es gegen einen Juden geht, wollen sie Blut lieber als Geld. Und Ihr, Reb Josef Süß?“ fragte er endlich geradezu, da sonst kein Wort aus ihm herauszupressen war.
Süß, lang vorbereitet, erwiderte ablehnend: „Ich kenne den Juden Seligmann nicht. In meinem Bezirk werde ich mich zu schützen wissen.“
Aber Isaak Landauer erregte sich: „Kennt nicht! Werdet Euch zu schützen wissen! Was heißt das! Sitzt da mit seinen Lakaien, seinem goldenen Rock, seinen Chinesern und kennt nicht! Wird sich zu schützen wissen! Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann: Wozu ist gut das ganze Gelump, wer glaubt Euch das ganze Gelump, wer läßt sich dumm machen davon, wenn Ihr nicht könnt schützen den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal?“ Und er schwenkte aufgebracht die Hände vor dem Gesicht des anderen, sein Kaftan flatterte zornig. „Papagei, Gobelins, Steinköpfe! Wozu sind gut Steinköpfe?“ höhnte er giftig. „Moses der Prophet und Salomo der König haben ihrer Lebtage nicht ausgeschaut wie Eure weißen Steinköpfe! Und die Augen haben sie auch nicht immer zu gehabt. Sonst hätten sie es nie so weit gebracht.“ Und er starrte, empört durch das gelassene Schweigen des anderen, hitzig vor sich hin.
„Ein guter Jud wird sich hüten, mit Euch in Zukunft zu machen Geschäfte,“ spielte er plötzlich starr, lauernd, bösartig seinen letzten Trumpf aus. Aber Süß achselzuckte nur: „Ich lasse mir nichts abpressen,“ und wandte ein feindseliges, hochfahrendes Gesicht weg. Es blieb Isaak Landauer nichts übrig, als vor sich hinkläffend, heftig den schütteren Bart strähnend, zu gehen.
Einige Wochen später, der Eßlinger Prozeß mußte nun bald stattfinden, standen im Vorzimmer des Süß zehn jüdische Männer, an der Spitze Jaakob Josua Falk, der kleine, welke Rabbiner von Frankfurt mit den eingesunkenen Augen, mit ihm der Pfleger und die drei angesehensten Vorstände seiner Gemeinde, und eine Deputation der Fürther Juden, gleichermaßen zusammengesetzt. Sie waren in Freudenthal zusammengetroffen, wo seit den Zeiten der Gräveniz eine kleine jüdische Gemeinde saß, sie hatten die Frau des Jecheskel Seligmann aufgesucht; doch die war stumpf und keiner Tröstung erreichbar. Sie waren dann, vom Volk bösartig angeknurrt, nach Stuttgart gefahren, bei dem widerwilligen Judenwirt abgestiegen. Sie hatten in großer und umständlicher Ordnung gebetet, früh, nachmittags und am Abend, denn zehn Männer bildeten eine Gemeinde, in der alle Feinheiten und Umwege der Gebetsordnung abgewandelt werden konnten. Sie waren feierlich vor der Rolle der Heiligen Schrift gestanden, die sie mit sich schleppten, sie hatten sie geküßt, erregt und gesammelt, eingehüllt in ihre Gebetmäntel, die Riemen an Herz und Hirn, das Gesicht gerichtet gegen Osten, gegen Zion. So hatten sie mit Händen, Lippen und allen Gebeinen in großer, flackernder Not und Andacht gebetet. Und nun standen sie matt und erregt, in Schläfenlocken und schwerem Kaftan, den spitzen Judenhut auf dem Kopf, den Fleck am Aermel, im Vorzimmer des Süß zwischen Büsten, Stuck, Gobelins, Gold und Lapislazuli. Sie schwitzten und sprachen nur selten ein flüsterndes, heiser gurgelndes Wort. Eine Spieluhr schlug die volle Stunde und spielte eine dünne, silbern rieselnde Melodie, und sie warteten, bis der Geheime Finanzienrat sie vorlassen würde.
Es fasteten aber an diesem Tag alle Juden in Deutschland, so über dreizehn Jahr alt waren, achtzigtausend an Zahl.
Süß hätte die Deputation am liebsten nicht empfangen. Diese Leute waren töricht. Sie mußten sich doch selber sagen, wenn er hätte eingreifen wollen, hätte er es von alleine getan. So konnten sie ihn nur kompromittieren. Das Parlament wies immer energischer auf die längst nicht mehr beachteten, aber formal noch gültigen Gesetze hin, die die Anwesenheit von Juden im Herzogtum nur in Sonderfällen und mit vielen Verklausulierungen erlaubten. Von dem Herzog hatte er nicht mehr erlangen können als eine Erklärung, was seinen Finanzdirektor und die von diesem zugelassenen Juden anlange, so lasse er sich die Hände nicht binden; im übrigen möge es bei den alten Vorschriften bleiben. Die Landschaft hatte daraufhin, den Eßlinger Fall nützend, diese alten, strengen Vorschriften neuerlich und mit Nachdruck veröffentlicht. Seltsam war, daß an der Spitze dieser Agitation im Parlament Weißensee stand. Wollte er seine katholische Intrige hinter dem Kampf gegen die Juden verstecken?