Jedenfalls war unter solchen Umständen die jüdische Deputation überflüssig, wenn nicht schädlich. Andererseits waren es die angesehensten Männer deutscher Judenheit, die ihn zu sprechen wünschten; er mußte sie wohl empfangen. Hätte er ihrer Bitte stattgeben können, so hätte es ihm geschmeichelt, sie großartig als Schutzflehende anzuhören. So empfing er sie ungern, fest gewillt, sie mit einem hinhaltenden Bescheid zu entlassen.
Eintraten die zehn jüdischen Männer, ungelenk, scharrend, hüstelnd, umständlich, das kleine Kabinett sehr füllend. Schlank, elegant, gemessen stand Süß den Schwerfälligen, Schnaufenden, Sich-bewegt-wiegenden gegenüber.
Es sprach Jaakob Josua Falk, der Rabbiner von Frankfurt: „Wir haben uns zusammengetan, die ganze Judenheit, und haben gewirkt mit Geld und mit Präsentern. Aber es hat nicht wollen fruchten. Denn das Volk ist sehr verhetzt, der Rat von Eßlingen will seine Judenheit schinden; es ist wohl auch, um Euch zu ärgern, weil Ihr so mächtig seid bei Eurem Herzog. Die Bosheit der Frevler ist groß, die Tücke Edoms hebt sich mächtig auf gegen Israel. Sie frißt Geld, aber sie wird nicht sanfter.“
Da Süß nicht antwortete, sondern abwartend schwieg, begann der Rabbiner von Fürth, ein beleibter, bekümmerter, behaarter Mann: „Es ist keine Hilfe mehr, Reb Josef Süß, nur bei Euch. Der Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal ist zuständig nach Württemberg. Wir bitten Euch, daß Ihr verlangt seine Auslieferung an den Herzog, daß seine Sach kann verhandelt werden nach württembergischem Recht. Es ist keine andere Hilfe mehr,“ schloß er, dringlich fordernd, gurgelnd, nah an Süß heranrückend.
Der lehnte an seinem Schreibtisch, höflich, elegant, unberührt. „Der Jud Jecheskel Seligmann“, erwiderte er sachlich, „hat keinen ordentlichen Konsens von mir, er steht nicht in meinen Listen; es ist zweifelhaft, ob er nach dem Herzogtum zuständig ist. Die Stadt Eßlingen wird opponieren bei Kaiserlicher Majestät in Wien, die Landschaft wird sich dreinmelieren. Es ist nicht opportun, daß ich seine Auslieferung verlange.“
„Nicht opportun!“ eiferte der Rabbiner von Fürth. Aber der kleine, welke, milde Rabbiner von Frankfurt fiel ihm ins Wort: „Ihr habt viel für uns getan. So haben wir gehofft, daß Ihr uns werdet helfen auch diesmal, damit nicht vergossen werde dies unschuldige Blut.“ Doch der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth ließ sich nicht beschwichtigen. „Nicht opportun!“ erregte er sich. „Ein Menschenleben retten, einen Juden retten, der nichts getan hat, nur daß er Jud ist, nicht opportun!“
„Ihr seht immer nur eins, Rabbi unser Lehrer,“ erwiderte Süß, und er blieb höflich und ruhig und gab ihm seinen Titel. „Ich muß weiter sehen, Zusammenhänge sehen, Zukunft sehen. Gesetzt den Fall, ich könnte den Reb Jecheskel Seligmann retten, dann müßte ich solche Rettung bezahlen mit Konzessionen an die Stadt Eßlingen, an den Kaiser. Ich kann mir solche Mildherzigkeit nicht gestatten. Ihr habt Euer simples, klares Prinzip: da ist ein Jud, der soll nicht sterben. Ich darf nicht so einfach handeln; ich muß rechnen, zählen, wägen. Ihr habt bloß Eure jüdischen Sorgen, ich hab tausend andere.“
Mit seiner milden, zittrigen Stimme erwiderte Jaakob Josua Falk, der Rabbiner von Frankfurt: „Wie viele in Israel gäben ihr ganzes Hab und Gut und mehr als das, um zu verhüten, daß dies unschuldige Blut vergossen werde. Ihr könnt es hindern mit einem einzigen Federstrich. Sperrt Euer Herz nicht zu, Reb Josef Süß!“ Und der feiste Rabbiner von Fürth fügte hinzu: „Wollt Ihr die ganze Judenheit im Stich lassen, weil Ihr Angst habt vor ein paar schalen Redereien, die sie könnten machen in der Landschaft?“
Süß lehnte noch immer am Schreibtisch, schlank, höflich, elegant, und seine Ruhe war ein Damm gegen die Erregung der anderen, die schnaufend und sehr bewegt das kleine Kabinett füllten. Aus seinen wölbigen, braunen Augen schickte er einen raschen, bösen, hochmütigen Blick zu dem dreisten, eifernden Rabbi; aber er hatte sich sogleich wieder im Zaum und erwiderte gelassen: „Ich hab genug für die deutsche Judenheit getan, daß jeder sieht, es fehlt mir nicht an gutem Willen. Wäre ich Christ geworden, hätte ich mich abgekehrt von der Judenheit, nach dem römischen Kaiser wäre ich heute der erste Mann im Reich. Aber ich war nicht feig, ich hab mich hingestellt vor die Judenheit, ich hab es nicht hinausgebrüllt, aber ich hab es auch nie geleugnet, daß ich ein Jud bin.“
„Dann bekennt Euch jetzt dazu! Jetzt, jetzt!“ gurgelte zufahrend, drängend, den schweren, behaarten Kopf vorstoßend der Rabbiner von Fürth.