Doch Süß, mit größerer Kälte, sagte: „Ihr könnt doch sonst wägen, messen. Meßt doch! Wägt doch! Schaut weiter als in den Augenblick! Den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal anfordern? Ich wäge in der rechten Hand seinen Tod, in der linken die Verdrießlichkeiten, Schimpf, Gefahr, Komplikationen, die mich treffen, wenn ich ihn salviere.“ Er hielt ein, schaute ruhig in die zehn Gesichter, die aufmerksam, erregt, gespannt in seines starrten. Er schloß leichthin: „Ich will mich heute nicht entscheiden. Aber es ist leicht möglich, daß, wäge ich so, ich keinen Sturm riskiere wegen einer Lappalie.“

Auffuhren die Männer da. Empört fuchtelten Hände durch die Luft, öffneten sich Münder. Kleine Rufe: Ai! ai! Aufgebrachte, sich überstürzende, halbe Sätze. Gurgelnd, drohend darüber die unschmiegsame, ungebärdige Prophetenstimme des Rabbiners von Fürth: „Lappalie! Ein Mensch wie Ihr, ein Jud, Euer Bruder, wird gemartert, soll hingerichtet werden voll Qual und Schmach, um nichts und wieder nichts. Mir steht das Herz still, wenn ich dran denke, daß ich soll müßig zuschauen. Und Ihr achselzuckt: Lappalie!“ Und er drang schnaufend, feist und zornig auf ihn ein.

Aber der kleine Rabbiner von Frankfurt schob ihn zurück. Mit seiner sehr alten, sanften Stimme sagte er: „Wir wollen Euch nicht drängen, Reb Josef Süß, wir wollten Euch nur bitten. Gott hat Euch sichtbarlich erhöht wie noch nie einen Juden in Deutschland. Er hat das Herz Eures Fürsten wie Wachs gemacht in Eurer Hand: wollet nicht das Eure verhärten vor der Not Eurer Brüder!“

Die anderen waren ganz still geworden, während der alte Mann mit seiner nicht lauten Stimme dies sagte. Auch der Rabbiner von Fürth schwieg. Süß, nach einem Schweigen, erwiderte, und seine Stimme klang weniger sicher als sonst: Er habe ja keineswegs abgelehnt, einzugreifen. Bloß, wenn er nach reiflichem Erwägen nicht intervenieren könne, sollten sie ihn nicht für bösen Willens halten und seine Gründe verstehen.

Damit gingen sie, und er geleitete sie höflich durch das Vorzimmer.

Allein geblieben, ärgerte er sich. Er war wärmer geworden, als er beabsichtigt hatte. Er hatte ihnen einen Teil seiner wirklichen Gründe gezeigt. Warum eigentlich und wozu? Er hätte kühler, höflicher bleiben sollen, wie er es in wichtigeren und schwierigeren Unterredungen hundertmal gewesen war. Hier war doch eigentlich jedes Wort klar vorgeschrieben gewesen. Er hätte mehr und unverbindlicher versprechen sollen. Sie sind ja doch nicht zugänglich für feinere Argumente. Sie stieren zäh und wie behext immer auf das eine: sie wollen ihren lumpigen Jecheskel Seligmann salviert haben.

Er ging in immer dickerer Verdrießlichkeit in seinem Kabinett auf und ab. Daß sie so gar nichts begriffen! Hatte er ihnen nicht in Frankfurt ungeheure Spenden zukommen lassen? Förderte er nicht, wo er konnte, ihren Handel? Schaffte hier, dort, überall Erleichterungen? Wenn heute gegen die Landesgesetze mehrere hundert Juden im Herzogtum saßen, des war er alleinige Ursach. Wie hatten sie damals in Frankfurt ihn hofiert und die Hände vor ihm zusammengeschlagen! Und jetzt galt das alles nicht mehr und sie wollten seine Verdienste nicht sehen, nur weil er ihnen in dem einen Fall nicht zu Willen sein konnte. Die Undankbaren! Sie verstanden nicht und würden nie verstehen, welches Opfer er eigentlich mit seiner Zugehörigkeit zu ihnen brachte. Man sollte wirklich, weiß Gott, weiß Gott, schon um es ihnen zu zeigen, sollte man sich taufen lassen.

Immerhin, es wäre ein angenehmes Gefühl gewesen, ihnen seine Allmacht auch diesmal zu präsentieren. Es traf sich zu dumm, daß er den Eßlingern ihren Juden nicht ohne weiteres entreißen konnte. Sicherlich wird er in Zukunft der ganzen Judenheit viel weniger imponieren. Dies nagte an ihm.

Er beschloß mit aller Energie, nicht mehr daran zu denken. Stürzte sich in Arbeit. Entfesselte einen neuen Wirbel von Frauen um sich her. Aber seine Nächte waren schlecht. Er träumte, vor ihm gehe ganz langsam und feierlich der Hinrichtungszug mit dem Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal. Er, Süß, brauste auf seiner Schimmelstute Assjadah hinterdrein, wollte den Zug zum Stehen bringen. Aber so langsam der Zug unmittelbar vor ihm dahinschlich und so sehr er seine rasche Stute spornte, er konnte und konnte ihn nicht einholen. Er schrie, winkte heftig mit den Einspruchsakten. Aber es war großer Wind, und die vor ihm gingen und gingen. Plötzlich war Dom Bartelemi Pancorbo da. Mit seinem entfleischten Gesicht, die eine Schulter hoch, in seiner großen, verschollenen Halskrause stand er vor ihm, sagte, wenn er den Solitär an seinem Finger gebe, werde er den Zug zum Halten bringen. Süß war, schwitzend und bekümmert, einverstanden. Aber wie er den Ring vom Finger ziehen wollte, saß der wie eingewachsen, und Dom Bartelemi sagte, ja, da müsse er eben die Hand abhacken.

Darüber erwachte Süß, unerquickt und mit Kopfschmerzen. Wenn er noch so müde war, hatte er jetzt Angst vor dem Schlaf. Denn der Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, der seine von Arbeit und Frauen berstenden Tage nicht behelligte, schlich sich in seine kurzen, unerfreulichen Nächte.