Vor dem erschreckten, in sich zurückgescheuchten Süß hockte mürrisch Rabbi Gabriel. Saß da, dicklich, vergrämt, die drei scharfen, senkrechten Falten in der Stirn. Erzählte mit kargen, altfränkischen, vieldeutigen, bedrohlichen Worten.
Es waren also Gerüchte zu dem Kind geflogen, böse, ätzende Gerüchte über Süß. Das Kind hatte nicht gesprochen, aber das Kind war aus seiner Ruhe, getrübt. Süß, erschreckt, ängstlich: Was er denn tun könne? Und Rabbi Gabriel mürrisch, grimmig: Hier nützten Worte nichts, Ausflüchte nichts. Stellen müsse er sich dem Kind. In seinem Gesicht lesen lassen müsse er das Kind. Vielleicht, setzte er höhnisch hinzu, entdecke das Kind mehr als er, der Rabbi. Vielleicht finde es mehr in dem Antlitz des Süß als Fleisch und Haut und Knochen.
Den Süß, wie er allein war, hob es hoch, tauchte es hinunter. Warf es, den Umgewühlten, hin und her. Dabei war er, im Grund, von Anfang an entschlossen. Dabei kam ihm, im Grund, diese gefährliche und höhnische Forderung des Rabbi als Zeichen und großes Licht und sehr erwünscht.
Dem Kind sich stellen, dem Kind ein Gesicht zeigen, rein und leuchtend von innen her. Er war abgebrüht und hielt sich gemeinhin an das, was man sehen und tasten konnte, aber daß solche Nötigung just in diesem Augenblick kam, das mußte auch dem Zweifelsüchtigsten Wink und Zeichen sein. Er war kein Hundsfott, sicher nicht, er konnte sich sehen lassen, jederzeit und vor jedermann, und wenn es wirklich einen Gott geben sollte, der prüfte und Buch führte und Wechsel zog: er konnte beruhigt sein und brauchte vor Saldo und Tratten keine Angst zu haben. Immerhin, wenn er sich jetzt dem Kind stellen soll, so ein Kind hat sonderbare Augen, es sieht immer bloß Blumen und lichten Himmel, es hat keine Ahnung von menschlichen Komplikationen, und es sieht vielleicht Makel und Schmutz, wo unsereinem Herz und Hände leidlich sauber scheinen. Und wenn bereits Gerüchte zu ihr geflogen sind, wenn sie von vornherein voll Angst und Zittern ist, dann ist es sicher geraten, sich nochmals gründlich zu säubern, eh daß man vor sie hintritt.
Er geht, den Kopf gesenkt, die schlemmerischen Lippen aneinanderreibend, die Arme sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch eins! nicht der Mann, Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut rings um sich, weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber Opfer? Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart auf hart und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist, muß unten bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein Bangen, vor murrender Populace nicht und vor frechen großen Herren nicht und vor keinem Parlament und keinem eventuellen Herrgott nicht. Dennoch: in diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, es wäre ein kitzelnd wollüstiger Schmerz, man könnte dann vor das Kind hintreten, blitzblank, und auch ein Aug, das nur Blumen gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein winziges Staubkorn an einem finden.
Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das Opfer brächte! Es war sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer Widersinn, den Jecheskel Seligmann zu salvieren, nur um ein paar krause Gedanken des Kindes wegzujagen. Die Mariage mit der Portugiesin schwämme hin, die Nobilitierung schwämme hin, ein gut Stück Grund und Boden, darauf er stand, schwämme hin. Nein, nein! Und wenn es auch vielleicht Zeichen und Wink war, er wird sich nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine kindische Laune soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen.
Im Grund wußte er, daß er es tun wird. Im Grund wußte er es von dem ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Während er sich bejammerte und sich sentimental streichelte, welche Opfer man von ihm postuliere, war in seinem heimlichsten Winkel ein großes Aufatmen. Und er hatte harte Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder in ihm heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen: wie er nun doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er überall in Europa als erster der Juden im römischen Reich wird erhöht und gepriesen werden, wie er das Einmalige und Unausdenkliche wird zu Rand bringen, als einzelner Jude einer ganzen christlichen Stadt einen verfallenen Menschen zu entreißen.
Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er Mühe, sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses vorzuspielen.
Andern Tages ging er zum Herzog. Er machte weniger Umschweife als sonst, war weniger servil, forderte dringlicher. Er betonte, es vertrage sich nicht mit der Dignité des Herzogs, daß er den Eßlingern seinen Juden so ohne weiteres überlasse; auch seine, des Süß, Autorität leide unter den kontinuierlichen Hohn- und Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl Alexander fuhr ihn barsch an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen blöden Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt solle er sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine Gewohnheit, bestand auf seinem Thema, er ließ durchaus nicht locker, er häufte, trotzdem der Herzog ihn erneut anschrie, die Argumente. Er verlangte, daß zumindest Johann Daniel Harpprecht, der erste Jurist des Landes, gutachtlich gehört werde über die Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn anders er, Süß, seine mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den Herzog fortführen solle. Denn würde weiter seine Autorität durch die Eßlinger in gleichem Maße geschwächt, so müsse er submissest um Enthebung von seinen Funktionen bitten. Karl Alexander, hochrot und schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich scheren.
Süß entfernte sich vergnügt und lächelnd. Er wußte, dies war Phrase; morgen wird der Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander konnte ihn nicht entbehren, mußte ihm willfahren, mußte ihm den Gefallen tun. Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die Befreiung des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte sich, prahlte, welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. Während er dies weitläufig prunkend dem steinern schweigenden Kabbalisten auseinandersetzte, polterte unwirsch, von der Parade kommend, in großer Uniform mit Stern und Band der Herzog ins Kabinett. War es Zufall, daß er hier mit dem Magus zusammenstieß? Hatte er von seiner Gegenwart gehört und wollte es machen wie damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun da und füllte das Kabinett mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe er sich kostbar, schrie er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder ob er es überhaupt verweigere, Unbeschnittenen das Horoskop zu stellen? Süß vermittelte, beschwichtigte. Es handle sich um das Horoskop von wegen der Frauen, er habe ja dem Oheim mehrmals dringlich geschrieben. Er hatte zwar nur einmal geschrieben, und da nur tastend, leise andeutend; doch Rabbi Gabriel wußte, worum es ging. Allein er schwieg. Sah dem drängenden, langsam sich verdüsternden Herzog ins Gesicht und schwieg. Schließlich setzte Karl Alexander von neuem an und fragte, immer mit gemacht überlegener Scherzhaftigkeit, ob etwa seine Frauengeschichten zusammenhingen mit dem fatalen Ausgang, den der Magus bei ihrem Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausverschwiegen. Der Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß vermutete, der Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, immer die Steinaugen auf dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, quarrendes, unzweideutiges: „Ja.“ Karl Alexander, auf so runden Bescheid nicht gefaßt, langte nach dem Herzen, atmete schwer, Schweigen lag dick und beklemmend auf dem Zimmer. Schließlich sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da, nun habe er ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß hin: Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein Gutachten aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein Kreuz und lauter Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach seiner Kutsche, entfernte sich mißlaunig, nach einem schlechten, verärgerten Witz über die Büste des Moses.