Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den Händen Edoms. Was bisher niemals geglückt sei im römischen Reich, habe er, Süß, jetzt erreicht. Ob der Oheim immer noch sein Leben und große Mühe für so eitel und Haschen nach Wind ansehe?

Widerwillig nur entgegnete der Rabbi dem sich Blähenden: Des Süß Leben sei kein Leben. Sei vor sich selber und der eigenen Leere fliehende Zappelei.

Gekränkt und fast kindlich schmollend schwieg Süß zuerst. Holte, den Blick des Rabbi meidend, stumm vor dem Stummen auf und ab gehend, aus allen Winkeln Argumente zusammen. Ei, hatte er nicht eben erst einen edelmütigen Entschluß gefaßt und mit so gewaltigen Opfern durchgesetzt? Sein reiches, fruchtvolles Leben leere Zappelei? Angesichts der frommen Tat, die er soeben getan, sagte man ihm das? Ja, war nicht solche Tat allein Sinns genug für ein Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis nur eine Perle in einer Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben von diesem Punkt aus zu erklären, nichts als Aufopferung, Auswirkung einer frommen, jenseitigen Idee wäre?

Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, kittete sich sofort fester an diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem Mann des Augenblicks, dem großen Komödianten seiner selbst, sein Leben sentimentalisch von diesem Punkt aus zu sehen. Es reizte ihn, seine leer wirbelnden Tage als die erhebende Vita eines großen Frommen zu kommentieren. Sein Leben sinnlos, gar verächtlich, von jemandem mit einer vagen Handbewegung wegzuschieben? Dies empörte seine Eitelkeit. Starkwillig entriß er sich dem lähmenden Ring, in den Rabbi Gabriels Gegenwart ihn band. Er zwang sich selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seines Lebens zu glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu sehen. Eifrig schritt er hin und her, flüsternd und geheimnisvoll mit seiner geübten Stimme auf den schweigenden Hörer einredend. Mit seiner ganzen fließenden, flutenden, ebbenden, advokatischen Beredsamkeit, mit der Beflissenheit, mit der er um eine große Staatsaktion warb, brannte er vor dem Rabbi ein brillantes Feuer frommer Eitelkeit ab.

Wenn er nur hätte Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude geblieben? Warum dann habe er sich nicht taufen lassen wie sein Bruder? Nein, der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold oder an der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und gefährlicher Stelle.

Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte ihm, er suggerierte sie sich, um sie dem andern suggerieren zu können. Er flüsterte sie dem Kabbalisten zu als großes Geheimnis, er spielte, vor sich fast mehr als vor dem andern, Schicksal, Ueberzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun ausersehen wäre, Israel zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder Zufall sein, daß er dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er jetzt so hoch ist und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel anspucken und mit Füßen treten und sich den Aermel wischen, wenn sie an einen Juden gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und seinen Staub lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über dem Land und saugt von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. Und wenn einer von den Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über ihn, und Edom schleicht sich fort, den Schwanz gekniffen wie ein geprügelter Hund. Ist das nicht Kern und Sinn und Rückgrat für ein Leben?

Aber Rabbi Gabriel schwieg, und wie er den Schweigenden sah, wurden auch seine fliegenden Worte immer lahmer, und schließlich fielen sie ganz zu Boden. Er verstummte und stand da wie ein Schuljunge, der sein Pensum schlecht gelernt hat und nicht zu Ende weiß, und seine Worte waren wie schlechte, übelriechende Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd.

Der Kabbalist erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche Rede des Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst, fahr nach Frankfurt zu deiner Mutter.“

Damit ging er. Süß blieb in dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer gebracht, nun hatte er sich die Tat abgerungen. Was noch wollte der Alte von ihm? Was noch sollte er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit seinem hochmütigen und klein machenden Schweigen? Und was war das mit Frankfurt? Ei, gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter. Die Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der weise, kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, wie wird er sich tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen und Bewundern. Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend andere Münder so lauter reden und Zeugnis ablegen für ihn und seine Tat.

In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über Akten und Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem Geheimrat Bilfinger, mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das geräumige, solid möblierte Zimmer schrägte die Sonne eine Lichtsäule aus Myriaden Staubflöckchen.