Die beiden gewichtigen Männer hatten ernsthaft die württembergischen Dinge durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem Eifer vorgetragene, von Weißensee verfaßte Anliegen des landschaftlichen Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den Eßlinger Judenhandel zu mengen. „Sieht Er, Herr Bruder,“ sagte Harpprecht und legte dem Freund die Hand auf die schwere Schulter, „es wäre mir auch wärmer ums Herz, könnte ich den Juden Jecheskel in der Patsche sitzen lassen und dem Süß eins auswischen; auch dem Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn ich denk, was wir zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung dieses Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche wir den konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren gierigen Schlund schmeißen, und wie wir dafür nichts anderes haben, als daß wir im ganzen Reich als Judenzer werden verlästert und verlacht werden, Herr Bruder, ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es mir gallenbitter hochsteigt, wenn ich das denk. Aber der Herzog hat von mir ein juristisches Judizium verlangt, kein politisches. Und wenn’s mich noch so fest verdrießt, und wenn ich dem Juden noch so gern möchte alle Kompendien und Kommentare um seine insolente Fratze schlagen: zuständig ist der Jecheskel zu uns; und wenn es Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen alle die kleinen Formalia nicht, die man mit Rabulisterei ins contrarium kann kommentieren. Als Jurist muß ich judizieren: der Jecheskel muß ausgeliefert werden an die herzoglichen Gerichte.“

Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewußt hatte er das, gewußt hatten das alle; gewußt hatte es sicher auch der Herzog, und wie er ein Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre eigentlich schon entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, wenn der Harpprecht anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die Auslieferung wahrscheinlich doch verlangt, aber der Jud hätte einen derben Stoß gekriegt. „So steht er fest oben,“ grollte er, „und lacht, wie wir uns müssen abzappeln, ihm den Gefallen zu tun.“

Aber er machte weiter keinen Versuch; er wußte, der Jurist wird sich eher die Finger abhacken, eh daß er in ein Judizium ein Wort hineinsetzt, das Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich von dem Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem, gutem Händedruck.

Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich wieder an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, schaute in die schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. Er war gewohnt, die Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte den Fall ein. Er sah über die Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah die Affäre des kleinen Handelsjuden als Welle im Fluß europäischen Werdens und Geschehens.

Denn der kleine Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt, und Süß, der allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in den Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel sicherlich laufen lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte er den armen Teufel nicht erlösen. Was band den Finanzdirektor an den Hausierjuden? Das gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der gemeinsame Glaube? Schwatz! Nichts war gemeinsam zwischen den beiden, nur eines: der Haß, der anbrandete gegen den großen Juden wie gegen den kleinen.

Nachdenklich blätterte Harpprecht in den Chroniken und historischen Urkunden der Gabelkhover, Magnus Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer, in den Verordnungen, Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm gestapelt lagen. Darin war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden im Land gehalten hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen Herzöge und Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden Geschichte und Recht.

Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder waren sie verklagt worden um Mord, Brunnenvergiftung, Hostienschändung und vor allem um ihren unleidlichen, volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, in Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, Oehringen, Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie zurückgerufen. Man solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand da in einer kaiserlichen Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, bis auf eine geringe Anzahl, so verschont bleiben solle, um ihr Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal, in einem Gutachten des Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten die Christen keine größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag zwischen dem deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten waren Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die Jüdischheit, die nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und weltliche Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und unleidentlich beschwere und sich auch in anderweg so grob und unordentlich halte, daß dadurch Uneinigkeit, Krieg und Mißhelligkeit entstehe. Und im Testament des Grafen Eberhard im Bart wurden die Juden gescholten als Gott dem Allmächtigen, der Natur und der christlichen Ordnung gehässig, verschmäht und widerwärtig, als nagende Würmer, dem gemeinen armen Mann und Untertanen verderblich und unleidentlich, und sie wurden Gott dem Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen hart und scharf des Landes verwiesen.

Warum aber, wenn man so urteilte, ließ man oder rief man gar sie immer wieder ins Herzogtum? Warum schützten sie Eberhard der Greiner, Graf Ulrich? Warum, wenn Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph, Ludwig sie austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig wieder ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott verworfenes Volk zu nennen. Warum konnte man nicht gleichgültig vor ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten französischen Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an oder waren gar widerlich und reizvoll in Einem?

Johann Daniel Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den tanzenden Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild des Herzogs und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere rätselhaft übergleitend. Beide waren Ein Unglück. Gegen den Herzog gab es ein Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und frommte nicht. Gegen die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie nützten nichts. Die nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, Verboten. Das Land verkam, Armut, Elend, Verbitterung, Verlotterung, Verzweiflung riß ein. Die nagenden Würmer saßen im Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden fett. Obenauf, sich ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich spreizend in frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig.

Dem festen, geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken. Hier war so schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was mit ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie austreiben nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja selbst das primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. Das Rätsel quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo man sie nie vermutete, tauchten sie neu auf.