Du siehst einen Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, häßlich, schmutzig, lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du hast ein ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan zu streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte, weisere Welt das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, und der lausige Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit deinem guten Stiefel hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie eine Wolke, schwebt über dir, hoch, lächelnd, unerreichbar weit.

Es war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger Trödeljude sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich und beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benediktus d’Espinosa dem verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die Natur beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen hoch ein Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann.

Nagende Würmer. Nagende, schädliche Würmer. Der Professor Johann Daniel Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, aber sieh da! der vernünftige, ruhige Mann hatte Gesichte wie ein Schwärmer. Die Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, ekel sich streckend, feucht, klebrig, schleimig, mit Köpfen des Herzogs und des Süß. Nagende Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie aus.

Rettete seine Gedanken in das Bereich, wo Wallungen und Gesichte am leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigenstes Bereich, ins Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, war die wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt. Früher war eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt war er bestimmt durch das Geld. Als man die Verachteten und Gehaßten zu den monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, hatte man selber ihnen das Seil zugeworfen, an dem sie hochkletterten. Jetzt war das Getriebe des Geldes das lebendige Blut des Staates und der Gesellschaft, und die Juden waren dieses Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen komplizierten Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie heraus, so brach Gesellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und Symbol der alten Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude, Zeichen und Symbol der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer dem andern die Hand, waren verknüpft miteinander, lagen auf dem Volk, einträchtig, sogen sein Mark, einer für den andern.

Nagende Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht zurück zu seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen das ekle Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, sorglich, gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten.

Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette Kompensationen, übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den herzoglichen Gerichten, nach außen gewaltig schimpfend, in der Seele heilfroh. Die württembergischen Gerichte ließen ihn schon nach wenigen Tagen ledig. Zerbrochen, fahrig, irr und verstört von dem Schreck, der Todesangst, der Folter, kehrte Jecheskel nach Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage von dem Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses Zucken an, schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich zappelnd hin und her, zerrte sein Gesicht; oft auch, unversehens wimmerte er, heulte leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, schafften ihn außer Landes, nach Amsterdam.

Ehe er Deutschland verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm vorsprechen dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre Triumph gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu schäbig und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut geschimpft, zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er nicht, den Herzog, den der ganze Handel arg verdroß, durch Aufführung des Jecheskel weiter zu reizen. Großmütig verzichtete er also darauf, persönlich den Dank des Befreiten entgegenzunehmen. Gestand sich aber, wie dies in letzter Zeit seine Art war, die wahren Gründe nicht ein, sondern spreizte sich vor sich selber, wie es sich nun erweise, daß er nicht um Dank, sondern nur aus reinen und edlen Motiven die Tat getan habe.

Um so fetter mästete er in Frankfurt seine Eitelkeit. Ei, wie drängten sich in den Gassen des Ghettos die Juden, ihn zu sehen, gurgelten Bewunderung, flehten allen Segen Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder hoch, daß sie mit ihren fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein seliges und beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt er über hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen Retter und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, Israel in seiner großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, wurde aufgerufen zur Vorlesung der Schrift, und während das Gesumme, das den menschenvollen Raum immer füllte, so stumm ward, daß das ergriffene Schweigen der aus wildester Furcht Erlösten die Mauern fast sprengte, ließ mit seiner zittrigen Stimme der welke Rabbiner die schönen, milden, alten Segnungen wie aus edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf ihn niederrieseln.

Nur Eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor ihn hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine demütigste, seligste Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, gehemmt. Wohl fand sie immer neu Lob und Preis, wie groß und herrlich und schlank und reich und edelmütig und elegant und gescheit und tief und mächtig er sei, wie begabt er sei an allen Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und Schönheit der Gestalt und Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so auf in ihm wie sonst. Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen Gesicht wurden plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm weggerissen; ihre Hände, die an ihrem gescheiten, eleganten, mächtigen Sohn herumstreichelten, hielten unvermittelt, ohne Anlaß, inne. Die schöne, heitere, gern plappernde, leichtlebige alte Dame hatte gegen ihre Art etwas Fahriges, Nervös-Verschrecktes, Gepreßtes.

Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat Rabbi Gabriel in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen Schrei hoch, hob wie flehend und in leichter Abwehr die Hände.