„Willst du mich anzeigen?“ fragt er höhnisch. „Es kann deiner Karriere nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht übergibst, weil ich einen gebürtigen Christen so lang im falschen Glauben hielt.“

Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: „Oder willst du mit deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir so lange schwieg? Ihr danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen Vater gab?“

Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie kommt dieser Mann dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun in ein bequemes Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch da mit seinen trüben grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, wie ein Hofmeister, der den dummen Zögling über einer albern armseligen Ausrede ertappt. Will er ihm jetzt etwa seine jüdische Geburt abstreiten, sein Opfer, sein großes Spüren als Schaum und Lüge abtun, ihn um sein bestes Erbteil prellen?

Seine Empörung gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum erstenmal, spürte er, war er ohne Rabulistik gegen ihn im Recht, zum erstenmal verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende Enge, die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte, sprang klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich, unumstößlich.

Die Stimme frei, sachlich, sagte er: „Ich fahre nach Hirsau. Zu Naemi.“

Näher an Süß riß es den Ueberraschten. Heller das Gesicht, halb ungläubig, mit fast gutmütigem Scherz: „Als Rächer an Edom?“

Doch Süß blieb ruhig. Ohne Gereiztheit, zuversichtlich und fest sagte er: „Sie will mich sehen. Ich stelle mich ihr.“

Rabbi Gabriel nahm seine Hand. Sah sein Gesicht. Sah Unreines, Unwahres, Schutt. Sah darunter anderes. Sah unter Haut, Fleisch, Knochen zum erstenmal Licht.

„Sei es!“ sagte er, schon klang seine Stimme wieder mißlaunig wie sonst. „Komm mit zu dem Kind!“

Viertes Buch
Der Herzog